ZEIT ONLINE: Herr Wałęsa, Sie haben vor einiger Zeit sehr viel dafür getan, dass Polen heute ein Land ist, das die Fußball-Europameisterschaft austragen kann. Hat sich irgendjemand in letzter Zeit dafür bei Ihnen bedankt?

Lech Wałęsa: Nein, das war nie mein Ziel. Es ist zwar schön, ein Danke zu hören. Aber ich habe nie dafür gearbeitet, dass ich Dank erhalte.

ZEIT ONLINE: Es gibt vielleicht mehr Deutsche, die Ihnen Danke sagen würden.

Wałęsa: Lassen Sie es mich wohlwollend für meine Landsleute auslegen: Polen ist ein Land mit vielen Problemen. Wir haben oft gar nicht die Zeit, Danke zu sagen. Ihr Deutsche habt weniger Sorgen, mehr Zeit, um das Leben zu genießen und um Danke zu sagen. Vielleicht sind wir in ein paar Jahren in einer ähnlichen Lage.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet die EM für Polen?

Wałęsa: Eine Europameisterschaft ist für uns Polen eine große Nummer. Zu mehr wären wir auch nicht in der Lage, zu Olympischen Spielen etwa. Für die EM haben wir unser Land ausgebaut, zum Beispiel Straßen, Flughäfen, Bahnhöfe, Stadien. Das ist wichtig. Noch wichtiger scheint mir, dass wir es auskosten, Europa bei uns zu begrüßen. Und dass das Turnier die Polen zusammenrücken lässt. Das gelingt uns besser als erwartet. Eigentlich fällt uns eine solche Haltung schwer, weil wir trotz zwei Jahrzehnten der Modernisierung noch längst nicht alle Probleme gelöst haben, die uns der Kommunismus bescherte. Wir mussten unser ganzes Leben umstellen, das hat viel Kraft gekostet.

ZEIT ONLINE: Wird die EM das Verhältnis zwischen Polen und Europa verändern?

Wałęsa: Die Europameisterschaft 2012 hat schon in den vergangenen Jahren viel geändert, viele Kontakte eröffnet, Gespräche erfordert. Das ist eine gute Nachricht: Gute Beziehungen zwischen unseren Ländern bedeuten Sicherheit in Europa.

ZEIT ONLINE: Wie bewerten Sie das Ausscheiden in der Vorrunde ?

Wałęsa: Ich bin enttäuscht, denn unsere Spieler hätten das Zeug dazu gehabt, mehr zu erreichen. Es ist ein gutes Team. Polen wollte Russland unbedingt schlagen – und umgekehrt. Mit Russland tragen wir noch immer viele Konflikte aus. Unsere Geschichte ist nicht verarbeitet. Das erklärt die Auseinandersetzungen zwischen den Fans beim Spiel in Warschau . Sport ist nur Sport, aber manchmal kommen dabei Dinge hoch, die darunter versteckt liegen. Wahrscheinlich haben die Prügeleien und die "Schlacht" unsere Mannschaft geschwächt, die Russen offenbar auch. Das haben die Tschechen und Griechen genutzt. Es gibt ein Sprichwort: Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte.

ZEIT ONLINE: Wie empfinden Sie die Atmosphäre zurzeit in Danzig ?

Wałęsa: Ich scheue davor zurück, abends auf die Straße zu gehen, weil ich den Nachhauseweg nicht mehr finde. So viele Fans kommen hierher, ich erkenne mein Danzig kaum wieder. Mein Eindruck ist, dass die Danziger vorsichtig lernen, mit anderen zu feiern, trotz aller Probleme, die wir haben.

ZEIT ONLINE: Danzig war über Jahrhunderte eine Stadt des Kriegs und des Konflikts zwischen Deutschen und Polen. Wie werden sich die Danziger in der Stadt und im Stadion verhalten, wenn sie auf deutsche Fans treffen?

Wałęsa: Deutschland und Polen haben eine belastete gemeinsame Geschichte, die vor allem für Polen von großem Leid gezeichnet ist. Aber schauen Sie, irgendwie haben wir einen Großteil dieser Geschichte hinter uns gelassen. Die Fans aus Irland , Italien , Spanien und die Danziger waren bislang sehr freundlich zueinander, und ich rechne damit, dass sich das auch mit den Deutschen so verhalten wird.

"Ich werde Deutschland die Daumen drücken"

ZEIT ONLINE: Deutschland trifft auf Griechenland . Wird das ein politisches Duell?

Wałęsa: Glaube ich nicht, da geht es um Fußball. Übrigens, jeder in Europa weiß, dass Deutschland die stärkste Kraft in Europa ist und am meisten für die EU und ihre Reformen bezahlt hat. Wer bezahlt, bestimmt, sagt man in Polen. Die anderen können nur mit den Füßen scharren. Ich werde am Freitag Deutschland die Daumen drücken, wir sind Nachbarn. Außerdem spielen viele Polen in der Bundesliga. Und wir spielen ein bisschen deutsch: nicht spektakulär, aber effektiv.

ZEIT ONLINE: Viele in Deutschland würden diese beiden Ansichten als überholt bestreiten, aber vielleicht sind sie gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt. Wie verfolgen Sie das Turnier persönlich?

Wałęsa: Ich war in Warschau bei Polen gegen Russland und einmal in Breslau . Nach Danzig zum Spanien-Spiel haben mich die Italiener in die Loge eingeladen. Ich hatte eine gute Portion Spaghetti erwartet, aber es gab keine Spaghetti.

ZEIT ONLINE: Gehen Sie zum Finale und geben Sie Wiktor Janukowitsch die Hand?

Wałęsa: Es steht noch nicht fest, aber ich würde gerne. Ich habe keinen Plan, den Präsidenten zu treffen. Wir kennen uns natürlich, ein Treffen zu arrangieren, wäre kein Problem. Aber ich bin ein zu großer Fußballfan, um mich während eines Endspiels um einen Präsidenten kümmern zu können.

ZEIT ONLINE: Fußball war ein wichtiges Kapitel in der politischen Geschichte Polens und der Gewerkschaft Solidarność. Sie haben mit ihren Mitstreitern oft Fußball gespielt, Sie standen im Tor, der heutige EU-Kommissar Janusz Lewandowski in der Abwehr.

Wałęsa: In kommunistischen Zeiten spielte der Fußball eine sehr wichtige Rolle, es war unser Untergrund. Die, die über uns herrschten, lösten damals normalerweise alle Versammlungen auf. Fußball zu spielen war eine gute Möglichkeit, dieses Verbot zu umgehen. Denn die Häscher konnten uns nicht alle ins Gefängnis stecken, bloß weil wir Fußball spielen. Währenddessen und danach konnten wir frei miteinander reden und politische Ansichten und Pläne austauschen.

ZEIT ONLINE: 1983 besuchten Sie das Europapokalspiel zwischen Lechia Danzig und Juventus Turin , die Solidarność war damals verboten, Sie kamen gerade aus der Internierung. Als die Leute Sie im Stadion sahen, kam es zu spontanen, lauten Bekundungen für "Lech Wałęsa, Lech Wałęsa".

Wałęsa: Ein großer Tag. Die Kommunisten sagten zu dieser Zeit: "Es gibt keine Opposition in Polen." Und dann unterstützte das ganze Stadion uns und skandierte "Solidarność". Wir waren viele, wir wollten das freie Polen, und die Kommunisten waren geschockt. Eigentlich sollte man die Politik aus dem Sport raushalten, aber manchmal geht es nicht anders. Das Stadion war unser Ort der Freiheit.

ZEIT ONLINE: Kehrt sich diese Freiheit in demokratischen Zeiten ins Gegenteil? Rassismus ist im polnischen Fußball weit verbreitet .

Wałęsa: Wir haben die Teilung Europas erst gut zwei Jahrzehnte hinter uns. Im Kalten Krieg gab es so viele ungerechte Dinge, so schnell kann man das nicht alles ändern. Mein Vater starb vor vielen Jahren. Wenn ich mir vorstelle, ich würde heute mit ihm sprechen und sagen: "Papa, weißt Du, dass Europa seine Grenzen abgeschafft hat? Weißt Du, dass an der polnisch-deutschen Grenze keine Soldaten mehr stehen?" Ich hätte die Fragen gar nicht beenden können, denn er wäre an einem Herzanfall gestorben, weil er es nicht glauben würde. Unsere Generation hat wirklich viel erreicht, aber es gibt für uns Europäer noch immer eine Menge zu tun.