Die Straße von Gibraltar zwischen Spanien und Marokko galt im Altertum als Grenze der bewohnbaren Welt, genannt " Non plus ultra " ("nicht darüber hinaus"). Bis die Spanier im 16. Jahrhundert ihr Weltreich in Übersee begründeten, und das Non plus ultra Vergangenheit wurde. Heute ziert die Devise "Plus Ultra" das königlich-spanische Wappen, dass sich auch der Fußballverband zu eigen machte. Auf der Brust von Spaniens Spielern steht so auch das Vorhaben geschrieben, zu schaffen, was noch keiner vor ihnen geschafft hat: Zum dritten Mal in Folge einen internationalen Titel zu holen. Europameister, Weltmeister, Europameister.

Selbstbewusst genug sind sie. Vicente des Bosque ließ bislang während des Turniers häufig öffentlich trainieren, Joachim Löw nur ein einziges Mal. Es ist, als wollte der spanische Trainer sagen: Schaut nur zu, so oft ihr wollt, ihr Spione der anderen, wir haben keine Geheimnisse. Und doch werdet ihr uns nicht schlagen können!

Bislang gelang das tatsächlich keinem der spanischen Gruppengegner, aber in den Spielen gegen Italien und Kroatien wirkte Spaniens Tiki-Taka, das Flippern des Balls durch ihr Mittelfeld, manchmal beinahe verzweifelt. Die Italiener ließen mit ihrer Abwehrkette, die mal Dreier-, mal Fünferkette war, und ihren drei Sechsern den spanischen Mittelfeldspielern kaum Platz. Die Kroaten verteidigten ebenso geschickt, ließen die Spanier nicht dort kombinieren, wo es hätte gefährlich werden können und hätten den Titelverteidiger beinahe aus dem Turnier geworfen.

In beiden Spielen schoben die Spanier sich den Ball hin und her, legten ihn quer, und noch mal, und noch mal – aber sie schafften nicht, ihre Überlegenheit im Mittelfeld ganz nach vorn zu tragen. Dahin, wo die Tore fallen. Und wer soll die Tore überhaupt schießen? Fernando Torres , ein echter Stürmer, dem Vicente del Bosque nicht vollends zu vertrauen scheint? Oder Cesc Fabregás, ein falscher Stürmer, weil eigentlich Spielmacher statt Knipser? Beide Varianten haben noch nicht überzeugt. Sie sind auch beide aus der Not geboren: Am liebsten hätte del Bosque David Villa stürmen lassen, der verletzt zu Hause bleiben musste. Sein Tordrang fehlt den Spaniern.

Vielleicht waren die Spanier einfach noch nicht richtig im Turnier. Vielleicht reicht das Tiki-Taka aber auch nicht mehr für den ganz großen Erfolg. Die spanische Vorrunde jedenfalls wirft Fragen auf: Lag es an den Gegnern? Oder ist Spanien nicht mehr Spanien?

Santiago Segurola sitzt auf der Wiese vor dem spanischen Pressezentrum. Er ist Kolumnist der Sportzeitung Marca , preisgekrönt, stolz darauf, dass seine Texte nur auf Papier erscheinen. Seit Jahrzehnten schreibt er über Fußball. Spanische Klubs waren immer schon international erfolgreich, "weil sie eine Identität hatten, die der Nationalmannschaft fehlte", sagt er. Die Selección suchte ihren Stil, sie fand ihn im Modell Barcelona . Und als Fernando Torres das entscheidende Tor im EM-Finale 2008 gegen Deutschland schoss, radierte er all die als peinlich empfundenen Auftritte der Selección aus dem Bewusstsein der Fans: Raúls verschossenen Elfer bei der EM 2000. Den Fluch des ewigen Ausscheidens im Viertelfinale. Die riesigen Schweißflecken von Trainer Camacho bei der WM 2002.