Er wolle im Einzel und mit der Mannschaft die Goldmedaille gewinnen, hat Dong Hyun Im vor den Olympischen Spielen gesagt. Das tun andere auch; und Südkorea , wo Im vor 26 Jahren geboren wurde, ist eine ehrgeizige Nation. Im Bogenschießen, Ims Sport, ist es sogar eine Weltmacht. Aber da ist noch etwas: Der Bogenschütze Dong Hyun Im ist blind.

Naja, fast. 10 Prozent Sehkraft hat er noch auf dem linken Auge, auf dem rechten sind es 20. "Wenn ich die Zielscheibe anvisiere, sieht es aus, als seien die vier verschiedenen Farben ins Wasser getropft", sagt er. "Die Grenzen sind nicht klar, und die Farben verschwimmen." Aber eine Brille mag er nicht tragen."Ich habe das ausprobiert, aber ich fühle mich nicht wohl damit." Wenn er das Ziel am Ende der Bahn anvisiert, versucht er einzig, die Farben zu unterscheiden und zielt in die Mitte von Gelb. "Erst wenn ich die Farben nicht unterscheiden könnte, hätte ich wirklich ein Problem." Ansonsten verlässt er sich auf sein Gefühl, auch an dem Tag, an dem er olympische Geschichte schreiben wird.

Kein Windhauch regt sich, als Im am Freitagmorgen den Trainingsplatz des Lord's Cricket Ground betritt. Hier, wo sonst die britischste aller britischen Sportarten zu Hause ist, haben die Bogenschützen ihr Quartier aufgeschlagen, eine lange Reihe weißer Plastikzelte mit spitzem Dach, ein mittelalterliches Heerlager im PVC-Zeitalter. Noch sind die Spiele offiziell gar nicht eröffnet, aber die Bogenschützen tragen bereits ihre Qualifikationsrunde aus. Hier legen sie fest, wer beim eigentlichen Wettbewerb drei Tage später gegen wen antritt. In zwölf Runden schießt jeder der 64 Schützen je sechs Pfeile. Die Rechnung ist einfach: Die Scheibe ist aufgeteilt in zehn Ringe, der innerste zählt zehn Punkte, der nächste neun und so weiter. Wer die meisten Ringe trifft, gewinnt die Qualifikation und tritt im KO-Wettbewerb an gegen den Letzten. 720 Ringe sind das Maximum, das ein Schütze erreichen kann.

Bogenschießen ist ein stiller Sport. Sobald das Hupsignal verstummt, mit dem jeder Durchgang eröffnet wird, hört man nur das Zischen, wenn die Pfeile aus Aluminium und Karbon von der Sehne schnellen, gefolgt vom hellen Ploppen, mit dem sie in der 70 Meter entfernten Scheibe einschlagen. Nach je sechs Pfeilen gehen alle Schützen gemächlichen Schritts ans Ende der Bahn, um ihr Ergebnis zu begutachten und eigenhändig in eine Score-Karte einzutragen.

Im ist ein großer Mann, hundert Kilo schwer, ein kleiner Rettungsring um die Hüften hilft ihm dabei, ganz in sich selbst zu ruhen. Während Haziq Kamaruddin aus Malaysia auf der Bahn neben ihm hektisch einen Pfeil nach dem anderen aus dem Köcher zieht und möglichst schnell abfeuert, lässt Im sich Zeit. Mancher seiner Konkurrenten hat ein Fernglas auf einem Stativ neben sich, um gleich nach dem Schuss zu kontrollieren, wie er getroffen hat. Im schaut nie nach. Warum auch, er kann eh nur mit Mühe die Farben der Scheibe erkennen.

Olympia - London 2012 – Zahlen, Fakten und Kuriosa rund um die Olympischen Spiele

Stoisch schießt er Pfeil auf Pfeil, stellt seinen weißgoldenen High-Tech-Bogen Marke Win&Win ab, geht zur Scheibe, kontrolliert seine Treffer, zupft sein Trikot zurecht, sitzt einen Moment auf seinem Plastikklappstuhl im Zelt, spricht kurz mit seinen beiden Mannschaftskameraden, eine Betreuerin streicht ihm zärtlich über den Rücken. Auch, als es zu regnen beginnt, lässt Dong Hyun Im sich nicht beirren. Nur für den Gang zur Trefferkontrolle nimmt er jetzt einen Regenschirm mit.