Franz Beckenbauer, Sepp Blatter und Gerhard Schröder während eines Pressetermins zur WM 2006 © Photo by Oliver Weiken/Bongarts/Getty Images

Sepp Blatter hat es dieser Tage nicht leicht. Der Druck auf ihn wächst. Bereits bei der Vergabe der WM 2022 an Katar musste sich der Fifa-Präsident mit Korruptionsvorwürfen auseinandersetzen . Prozessakten verdeutlichen jetzt, dass in seiner fast 15-jährigen Amtszeit mehrere Funktionäre bestochen wurden. Sepp Blatter behauptet, er habe nie Schmiergelder angenommen und versucht, den Blick auf die Vergabe der WM 2006 an Deutschland zu lenken. "Gekaufte WM … Da erinnere ich mich an die WM-Vergabe für 2006, wo im letzten Moment jemand den Raum verließ", sagte er am Wochenende der Zeitung Blick .

Blatter spielt damit auf den neuseeländischen Funktionär Charles Dempsey an. Im 24 Mann starken Exekutivkomitee sorgte seine Enthaltung für die Entscheidung zuungunsten von Südafrika . Die Wahl endete 12:11 für Deutschland, bei einem Patt hätte Südafrika den Zuschlag erhalten.

Was Dempsey bewog, sich zu enthalten, ist bis heute umstritten. Sein Verband wollte die Stimme an Südafrika vergeben, er persönlich wollte laut DFB-Delegation für Deutschland stimmen. In einem der wenigen Interviews, die er zu dem Thema gab, sprach er von "Druck durch einflussreiche europäische Interessensgruppen" . Näher ausführen kann Dempsey diese Vorwürfe nicht mehr, er starb 2008.

Die Vorwürfe einer gekauften WM kursieren bereits seit Jahren. Thomas Kistner dokumentiert in seinem Buch Fifa Mafia , wie die Entscheidung pro Deutschland vonstatten gegangen sein könnte. Demnach lag Südafrika wenige Wochen vor der WM-Vergabe mit mehreren Stimmen vorne, außerhalb Europas wollte kein Verband den deutschen Bewerber unterstützen.

Seltsamerweise änderte sich dies binnen kürzester Zeit. In den Schlusswochen wechselten vor allem die asiatischen Verbände das Lager. Kistner beschreibt Millionen-Investitionen von deutschen Firmen in Länder, die Vertreter im Exekutivkomitee hatten. Daimler , Sponsor der deutschen Nationalmannschaft, investierte beispielsweise 800 Millionen Euro in den südkoreanischen Autobauer Hyundai . Ein Sohn des Hyundai-Gründers saß zufälligerweise zu jener Zeit im Exekutivkomitee der Fifa.

Für Aufsehen sorgte auch eine umstrittene Waffenlieferung nach Saudi-Arabien , welche die deutsche Regierung acht Tage vor der WM-Vergabe im Jahr 2000 beschloss. 1.200 Panzerfäuste wurden dem Wüsten-Königreich geliefert. Ein Zusammenhang mit der WM wird in beiden Fällen von allen Seiten dementiert.

Warum äußert Blatter diese Vorwürfe gerade jetzt?

Ein weiteres Indiz für eine möglicherweise gekaufte WM könnte das Geschäftsgebaren der mittlerweile insolvent gegangenen Kirch-Gruppe sein. Das Unternehmen, zu dem auch der Bezahlsender Premiere gehörte, hatte bereits vor der Vergabe an Deutschland die Verwertungsrechte an dem Großevent erworben . Die deutsche Firma hatte ein wirtschaftliches Interesse daran, dass die Weltmeisterschaft vor der eigenen Haustür und nicht am anderen Ende der Welt stattfindet. Unterlagen aus dem Insolvenzverfahren 2003 weisen in diesem Zusammenhang auf dubiose Überweisungen auf Treuhandkonten in Asien hin.

Juristisch greifbar sind wenige der Vorwürfe, sie sind seit Jahren bekannt, sie gingen nur im allgemeinen Jubel um das "Sommermärchen" unter. Wieso erhebt der in die Ecke getriebene Blatter diese Vorwürfe genau jetzt?

Die Interviewaussagen Blatters könnten am ehesten als Drohung verstanden werden. Unter den Fußball-Landesverbänden gibt es nur wenige, die Blatter offen kritisieren – der DFB ist einer davon. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach sagte, er sei über die jüngsten Bestechungsskandale "erschüttert und geschockt", der Präsident der Deutschen Fußballliga, Reinhard Rauball , forderte den Fifa-Präsidenten zum Rücktritt auf. Selbst Franz Beckenbauer , lange Zeit Mitglied im Exekutivkomitee, warf seinem alten Freund via Twitter vor, bezüglich der WM 2006 die Fakten zu verdrehen.

Gut möglich, dass Blatter die Kollegen aus Deutschland ruhigstellen möchte, frei nach dem Motto: Wenn ich falle, nehme ich euch mit.