ZEIT ONLINE: Herr Kohlschreiber , erinnern Sie sich an olympische Momente jenseits von Tennis, die Sie beeindruckt haben?

Philipp Kohlschreiber: Es war, glaube ich, 1996, da war ich dreizehn, als ich mit meinen Eltern aus Südamerika zurückkam und wir im Wohnzimmer noch nichts stehen hatten außer einem Fernseher, auf dem ich auch mal länger Olympia gucken durfte. Und da gab es Lars Riedel im Diskuswerfen, den fand auch meine Mutter toll – der ist mir in Erinnerung geblieben. Und dass ich da jetzt auch mitspielen werde und vielleicht ein anderer kleiner Junge zuschaut …

ZEIT ONLINE: Tennis ist eigentlich ein Egoistensport. Jetzt sind Sie Mitglied eines Teams von fast vierhundert Athleten. Fühlen Sie sich denen zugehörig?

Kohlschreiber: Leider habe ich nicht soviel Kontakt zu anderen Sportlern, auch weil ich nicht so viel in den neuen Medien unterwegs bin. Viele, die mich kennen, schmunzeln schon, weil ich selbst auf dem Handy fast nicht zu erreichen bin. Wahrscheinlich bin ich im falschen Zeitalter unterwegs. Aber der eine oder andere Kontakt wird sich bei Olympia schon entwickeln. Ich bin ja kontaktfreudig, und reden kann ich auch – deshalb wird da schon nichts schiefgehen.
 

ZEIT ONLINE: Wenn es Ihre Zeit und Ihr Spielplan in London erlauben – zu welchen anderen Wettbewerben würden Sie gerne hingehen?

Kohlschreiber: Alle sagen immer, zum Spaß musst du zum Beachvolleyball gehen. Aber die Leichtathleten sind auch für mich der Kern der Spiele, ein absolutes Highlight. Doch am Schlusstag der Spiele beginnt in Amerika schon wieder das nächste große Masters-Turnier, zu dem wir müssen. Deshalb kann ich Olympia leider nicht so genießen wie andere Sportler.

ZEIT ONLINE: Aber wenn Sie Olympiasieger werden, bleiben Sie noch ein bisschen?

Kohlschreiber: Klar, dann trete ich in der Woche darauf nirgendwo an. Aber überhaupt eine Medaille wäre schon Wahnsinn.

ZEIT ONLINE: Ist das realistisch?

Kohlschreiber: Im Tennis ist es realistischer als in anderen Sportarten. Ich habe in diesem Jahr schon ein Turnier gewonnen und gute Leute geschlagen, unter anderem Nadal auf Rasen, das ist ein gutes Zeichen. Aber es muss alles passen: die Auslosung, die Tagesform. Im Tennis kommt es halt vor, dass man an einem Tag extrem gut, am nächsten extrem schlecht spielen kann. Bei einem 100-Meter-Läufer sind die Schwankungen nicht so groß, der läuft nicht an einem Tag ein paar Zehntel schneller als an einem anderen.

ZEIT ONLINE: Es könnte sein, dass Sie im Schatten der erfolgreichen deutschen Tennis-Damen stehen werden. Ist das für Sie ein Problem?     
                    
Kohlschreiber: Überhaupt nicht! Ich habe großen Respekt vor ihren Leistungen. Wie Angelique Kerber zum Beispiel innerhalb eines Jahres durchgestartet ist – einfach phänomenal. Aber natürlich hat es mich und Florian Mayer gefreut, dass wir mit dem Viertelfinaleinzug in Wimbledon auch mal einen Akzent setzen konnten und nicht immer nur die Damen im Rampenlicht sind. Sie sind uns derzeit einfach voraus, das müssen wir akzeptieren. Aber wir haben auch den gesunden Ehrgeiz, ein bisschen aufschließen zu wollen.

ZEIT ONLINE: Kann man von den Damen, bei denen der Erfolg ja ziemlich zügig gekommen ist, irgendetwas lernen?

Kohlschreiber: Schwer zu sagen. Man muss Damen- und Herren-Tennis einfach trennen. Das sind einfach …

ZEIT ONLINE: … zwei verschiedene Sportarten.

Kohlschreiber: Das nicht. Aber bei uns gibt es diese vier unglaublich starken Spieler an der Spitze, und wenn man gegen die früh kommt in einem Turnier, scheidet man aus. Das macht einem oft gute Resultate kaputt. In den vergangenen Jahren habe ich bei Grand Slams achtmal gegen Top-4-Leute verloren, allein sechsmal gegen Nadal. Dass – wie bei den Damen – eine aus dem Nichts kommt und Wimbledon gewinnt, ist bei uns im Moment undenkbar.  

ZEIT ONLINE: Wenn Sie gegen einen wie Nadal schon so oft gescheitert sind – haben Sie dennoch einen Plan, wie Sie es vielleicht einmal schaffen können, ihn zu besiegen?

Kohlschreiber: Am Ende sind es die "Big Points", die die Topleute besser spielen. Es ist ja nicht so, dass ich in einem Spiel fünfzig Punkte weniger mache als Nadal. In einem Match von drei Stunden sind es vielleicht zwanzig Punkte weniger – bei zweihundert gespielten Punkten, das ist ein Unterschied von nur zehn Prozent. Ist vielleicht immer noch viel, aber das Niveau dieser Topjungs ist immer extrem hoch, da braucht man schon einen unglaublichen Tag, um sie zu schlagen.