Vielleicht hat Michel Platini der Blick aus seinem Luxushotelzimmer in Charkiw nicht gefallen. Zu viele Plattenbauten. Oder ihn störten die leeren Plätze in den EM-Stadien. Wäre es nicht toll, könnte er sich gedacht haben, Europas größtes Fußballturnier auszutragen, wo der Rundblick herzallerliebst und die Stadien voll wären?

Platini hat einen Tag vor dem EM-Finale einer verdutzten Fußballöffentlichkeit von seinen Gedanken erzählt. Ein europaweites EM-Turnier ab 2020, in zwölf oder dreizehn Städten . Er habe Sympathien für diese Idee, sagte er. Hoffentlich bleibt er der Einzige.

Was wie eine große europäische Idee daherkommt , von der man in diesen Tagen, zugegeben, eine Handvoll gebrauchen könnte, entpuppt sich als schlechter Scherz. Eine EM ohne Heimat zerstört alles, was solch ein Turnier ausmacht.

Das besondere an einer EM ist doch, dass sich der Kontinent in einem oder zwei Ländern trifft, zusammen Fußball guckt, zusammen feiert, sich kennenlernt. Wie viel Atmosphäre ginge verloren, wenn Iren nicht mit Spaniern sängen, dabei Polen träfen, die für Deutsche klatschten, die wiederum diskutierten, ob Schweden oder Ukrainer das meiste Bier vertragen. Die Fans eint in diesen Turniertagen das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Hier ist EM, hier muss ich sein!

Zudem ist eine EM eine Chance für die Gastgeberländer. Wer wusste vorher, wie schön Danzig , wie reizend Lemberg und wie wild Kiew ist? Eine Fußball-EM bringt ein oder wie in diesem Fall eben zwei Länder mindestens drei Wochen lang direkt in die europäischen Wohnzimmer. Tausende Reporter und Kameras bringen sie uns nahe.

Die Länder sind dabei mehr als nur Kulisse. Solch ein Turnier kann nicht nur einen sportlichen Schub geben, sondern auch einen gesellschaftlichen. Ohne die WM 2006 wäre das Bild Deutschlands in der Welt ein anderes. England hat 1996 mit der vielleicht stimmungsvollsten EM aller Zeiten seinen Ruf als Mutterland des Fußballs gefestigt.

Auch in Polen und besonders der Ukraine ist etwas in Bewegung geraten. Die Menschen dort hoffen auf Veränderung. Es könnte ihrer Sache dienen, wenn die europäische Öffentlichkeit mit Hilfe der EM für die Dinge sensibilisiert wird, die in diesen Ländern noch nicht so gut laufen.

Mit einer europaweiten EM wäre das vorbei. Und sie wäre todlangweilig. Es würde wahrscheinlich nur in den Städten mit den großen Stadien gespielt, die ohnehin vom Spitzenfußball verwöhnt sind. In München , Madrid , Manchester , Moskau . Die EM würde zu einer zweiten Champions League verkümmern, bloß dass die Spieler Nationaltrikots trügen. Wegen der langen Reisewege wäre es zudem ein fan-feindliches Turnier.

Vielleicht geht es Platini wieder nur ums Geld. Weil es in einem Wettstreit der Städte viel mehr Bewerber gibt als in einem Wettstreit der Länder, ist die Uefa in einer besseren Verhandlungsposition. Sie kann sich für jene Städte entscheiden, die sich solch ein EM-Spiel gerne viel Geld kosten lassen. Mehr Geld, dafür haben sich Fußballfunktionäre noch nie geschämt. Auch Platini nicht, der ein großer Anhänger der Wüsten-WM 2022 von Katar ist.

Das wäre dann übrigens die nächste tolle Idee, vielleicht kann Michel Platini ja mal mit Sepp Blatter reden: eine Fußball-WM in der ganzen Welt.

Lesen Sie hier die Gegenmeinung von Steffen Dobbert!