Nadja Drygalla sollte man jetzt in Ruhe lassen, insofern sie die Wahrheit gesagt hat. Es ist in erster Linie ihre Privatsache, wen sie liebt – und sei es einen Neonazi.

Dennoch kann der deutsche Sport diesen Fall zum Anlass nehmen, über etwas Grundsätzliches nachzudenken: Dürfen Verbände über Sportliches hinaus mitbestimmen, wer das Land bei Olympia vertreten soll? Soll der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) nach politischen Kriterien wählen?

In Deutschland darf es eigentlich keine zwei Meinungen darüber geben, dass Athleten keine extremistischen Ideologien verbreiten dürfen. Von Nazis darf das Land nicht vertreten werden. Das hat nichts mit Gesinnungspolizei und Blockwartdenken zu tun, das sollte gesellschaftlicher Konsens sein.

Die Überlegung des Innenministeriums , Sportler eine Extremismusklausel unterschreiben zu lassen, kann in dieser Hinsicht ein gutes Instrument sein. Klar, es wäre Symbolpolitik, die vielleicht wenig bewirkt; im schlimmsten Fall hätte sie Gratisbekenntnisse zur Folge.

Aber auch Symbolpolitik hat ihre Berechtigung, und sie kann einen Anstoß geben für eine Auseinandersetzung. Wäre ja nicht schlecht, wenn Sportverbände ihren Athleten klarmachten, dass es Schlimmeres gibt, als gegen Sponsorenrichtlinien zu verstoßen. Warum soll man nicht auch im Sport den Kampf gegen Rechts (und Links) formalisieren?

Wenn man aber Sportlern eine politische Haltung abverlangt und wenn der organisierte Sport erziehen will, müssen die höchsten Vertreter den Anfang machen. Doch die fallen durch Opportunismus auf.

Eine Schweigeminute an der Eröffnungsfeier für die israelischen Opfer von München 1972, wie von vielen Politikern gefordert, lehnte Thomas Bach , DOSB-Präsident und Vize-Präsident des Internationalen Olympischen Komitees ( IOC ), ab. Dabei konnte er den Zweifel nicht ausräumen, dass der Grund dafür seine Geschäftsverbindungen in die arabische Welt gewesen sind; Bach ist unter anderem der Präsident der Arabisch-Deutschen Handelsvereinigung Ghorfa . Hinterbliebene werfen dem IOC nun Antisemitismus vor.

Gerade auf internationaler Bühne sollte den deutschen Sportmächtigen eine hohe Verantwortung zufallen. Das IOC wurde von 1980 bis 2001 von dem ehemaligen Franco-Faschisten Juan Antonio Samaranch geführt, es gibt ein historisches Foto aus den siebziger Jahren , auf dem Samaranch dem damaligen spanischen Diktator den rechten Arm entgegenstreckt. Auch in der Gegenwart geben sich Diktatoren und Autokraten auf olympischen Tribünen die Hand.

Kritische Aussagen zu dieser Samaranch-Kultur sind von Bach, dem Ambitionen auf die nächste IOC-Präsidentschaft nachgesagt werden, jedoch nicht überliefert. Auch die bedenklichen Entscheidungen des IOC, Olympia nach Peking und Sotschi zu vergeben, hat er mitgetragen. Der Sport sei "politisch neutral", sagt er.

Mit dieser Haltung ist Bach im deutschen Sport nicht alleine. Der Ruderverband muss sich im Fall Drygalla über Jahre blind und taub gestellt haben. Und dem DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach fiel bei der vergangenen EM nichts zu der Frage ein, wie es zu bewerten sei, dass ein Wahlspruch der Wehrmacht auf einem deutschen Fan-Transparent im Stadion von Lemberg geschrieben stand. Lemberg ist einer der vielen Orte des deutschen Judenmords .

Eine Sportlerin aus dem Olympiakader, die in Partnerschaft mit einem führenden Neonazi lebt, muss sich sicher Nachfragen gefallen lassen. Doch diskutiert man über Politik im Sport, sollte man zuerst über die Präsidenten reden.