Ob Wembley-Tor oder Wunder von Bern : Die Produktion von Mythen ist elementarer Bestandteil des Fußballs. Doch Mythen sind kritisch zu reflektieren, vor allem, wenn sie der gesellschaftlichen Ausgrenzung dienen oder einen Teil der Realität verschleiern.

Nach dem unerwarteten Ausscheiden der deutschen Elf bei der Europameisterschaft geriet solch ein Mythos in die Öffentlichkeit. "So wurden wir 1990 Weltmeister", sagte Franz Beckenbauer , der als damaliger Teamchef eine "Singpflicht" der Nationalhymne eingeführt hatte. Damit leistete er seinen Beitrag zur gesellschaftlichen Aufarbeitung des verpassten Titelgewinns. Denn seitdem ist von Stammtischen bis in Plenarsäle hinein eine Diskussion entbrannt, die den ausbleibenden Gesang der Spieler für die Niederlage verantwortlich zu machen sucht. Sportliche Ursachen des Scheiterns geraten so schneller ins Abseits.

"Ich kann nicht für die DFB-Auswahl auflaufen und alle Vorteile einstreichen wollen, dann aber so tun, als wäre ich nur ein halber Deutscher", kommentierte Gerhard Mayer-Vorfelder , Ehrenpräsident des Deutschen Fußballbundes, das Nicht-Singen des Deutschtunesiers Sami Khedira . Kurz vor dem heutigen Länderspiel gegen Argentinien äußerte sich auch Joachim Löw zu den öffentlichen Vorwürfen und bezog eindeutig Stellung. Er empfinde es als "fatal", so der Bundestrainer, wenn Spieler mit Migrationshintergrund herausgehoben werden und diesen unterschwellig vorgeworfen würde, "dass sie dadurch keine guten Deutschen sind". Der Versuch, einen Zusammenhang zwischen sportlichem Misserfolg und mangelnder nationaler Identifikation herzustellen, ist in der Tat höchst zweifelhaft. Ein Blick auf die Entwicklung des Fußballs in den zurückliegenden Dekaden erklärt warum.

Im Zeitgeist der Fünfzigerjahre konnte das Spiel noch als nationale Aufgabe verstanden werden. Die Mannschaft, die unter der Leitung Sepp Herbergers 1954 den ersten Weltmeistertitel für Deutschland erringen konnte, beschenkte die junge Bundesrepublik mit dem "Wir-sind-wieder-Wer"-Mythos. Sportlicher Erfolg und erfolgreicher gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Wiederaufbau wurden als zwei Seiten derselben Medaille gesehen. Aus einer Fußballmannschaft wurden die Helden von Bern, die nationale Ehre und Stolz verkörperten.

Fußball ist keine heroische Angelegenheit

Über ein Jahrzehnt später setzte in Deutschland ein Wertewandel ein. Infolgedessen wandelte sich auch der Sport. Gerade in Franz Beckenbauer zeigte sich eine neue mentale Prägung. "Fußballrecken wie Fritz Walter beackerten für einen verstärkten Nationalismus dieses Feld der Ehre; ihre Tugenden waren Kampfgeist und Opfermut. Mit solchen Tugenden konnte Beckenbauer nicht aufwarten", resümierte Helmuth Karasek 1977 im Spiegel , als der "Fußball-Kaiser" die Bundesliga in Richtung USA verließ. Das sozialromantische Ideal eines Männerbundes im Auftrag nationalen Prestigegewinns fand im Denken des Weltfußballers tatsächlich wenig Platz. "Fußball ist keine heroische Angelegenheit, sondern Arbeit und Fleiß", ließ sich Beckenbauer zitieren.

Bei der Weltmeisterschaft 1990 wurden Spieler wie Jürgen Klinsmann zu Stars, die ihrem Selbstverständnis nach Internationalisten waren. Er sehe sich mehr als "Individuum auf einem kleinen Planeten" und weniger als patriotischer Staatsbürger, bekundete Klinsmann während des Turniers. Damit sprach er stellvertretend für eine Spielergeneration, bei welcher die materialistischen Bestrebungen die ideellen längst ins zweite Glied verdrängt hatten. "Jeder spielt zuerst für sich, dann für die Mannschaft und erst dann für sein Land", fasste Karl-Heinz Rummenigge die Prioritätenfolge zusammen . Das Mitsingen der Hymne erschien bereits damaligen Beobachtern lediglich als "gefällige Dekoration".

Heute werden junge Menschen in einer Fußballwelt sozialisiert und professionalisiert, die mehr denn je von individuellen und materiellen Interessen geprägt ist. Wie keine zweite Sportart hat sich der Fußball den Gesetzen des globalen Marktes und des Kommerzes unterworfen. Auch wenn die Nationalmannschaft immer noch als nationales Prestigeobjekt gilt: Von den Spielern künstlich ein nationales Ehrgefühl einzufordern, wird ihrem gesammelten Erfahrungsschatz nicht gerecht und erscheint wie ein Relikt aus einem längst vergangenen Zeitgeist.

Wer den sportlichen Misserfolg mit einer zu gering ausgeprägten nationalen Solidarität zu verklären sucht, ignoriert den Weg, den der Sport seit Bern 1954 gegangen ist. Dass wir wegen einer "Singpflicht" zum letzten Mal Weltmeister wurden, ist ein Mythos, der daher dringend der historischen Dekonstruktion bedarf.