ZEIT ONLINE:  Herr Grünberg, was sind die Aufgaben eines Gehrichters?

Jens Grünberg:  Für uns sind immer zwei Sachen interessant: Halten die Geher den Bodenkontakt ein und haben sie die Beine entsprechend gestreckt? Beim Bodenkontakt sagt die Regel nicht, dass die Geher die gesamte Zeit auf dem Boden sein müssen, sondern dass man mit menschlichem Auge keinen Kontaktverlust feststellen darf. Dieser Unterschied ist erheblich.

ZEIT ONLINE: Wieso?

Grünberg: Wir wissen vom Aufbau des optischen Systems und des menschlichen Gehirns, dass man 40 Millisekunden Flugzeit, also Zeit ohne Bodenkontakt, nicht sehen kann. So sieht man manchmal erst auf den Zeitlupenbildern, dass ein Geher in der Luft war.

ZEIT ONLINE: Also gehen viele Athleten gar nicht korrekt?

Grünberg: Ja. Beim Gehen gewinnt nicht nur, wer am schnellsten geht, sondern auch, wer am unauffälligsten fliegt. Typischerweise ist es so: Die Geher, bei denen der Regelverstoß am meisten auffällt, sind die, die es am wahrscheinlichsten erwischt.

ZEIT ONLINE: Die Athleten dehnen es also bis zur Grenze der Legalität?

Grünberg: Genau so ist es. Im Grunde bin ich den Athleten auch überhaupt nicht böse, wenn sie über die Stränge schlagen. Nur wer alles ausreizt, hat auch eine Chance zu gewinnen. Nur wenn die Flugzeiten zu lange werden, schreiten wir ein. Ein Schiedsrichter kann verwarnen und eine Rote Karte aussprechen. Wenn drei Gehrichter die Rote Karte gezeigt haben, wird ein Geher disqualifiziert.

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie überhaupt dazu gekommen, Gehrichter zu werden?

Grünberg: Ich habe früher an Leichtathletikwettbewerben teilgenommen. Wir konnten aber keine Wettkämpfe organisieren, da es zu wenig Gehrichter gab. Deswegen habe ich 1979 meine erste Gehrichterausbildung gemacht. Meine Motivation ist es, Gerechtigkeit herzustellen, so gut es geht wenigstens. Wir wollen diejenigen, die sich Mühe geben und es richtig machen, von den anderen trennen.

ZEIT ONLINE: Gehen Sie auch selbst?

Grünberg: Wir Gehrichter müssen Fitnesstests bestehen, genau wie die Fußballschiedsrichter, insofern jogge ich regelmäßig. Aber ich gehe auch. Wenn man die Bewegung drauf hat, hat man einen viel besseren Blick dafür. Und jetzt bei Olympia achte ich natürlich darauf, was die Kollegen so machen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie manchmal Mitleid mit den Athleten, wenn Sie diese disqualifizieren?

Grünberg: So sehr es einem manchmal persönlich leid tut – die Gerechtigkeit muss vorgehen. Wir würden jemand anderem die Chance auf eine gute Platzierung nehmen. Wie sagt man so schön: Es gibt Gerechtigkeit und es gibt Urteile. Und manchmal gibt es einfach glückliche Geher. Das unterscheidet uns von den anderen Sportarten in der Leichtathletik. Bei uns ist es subjektiv, alle anderen können objektiv messen.