Frage: Frau Reppe, wo haben Sie Ihren Rollstuhl gelassen?

Christiane Reppe: Den brauche ich nicht. Meist bin ich auf Krücken unterwegs. Ich habe auch eine Prothese, im Sommer kann ich damit aber nicht gut laufen, weil mir das zu warm wird. Ich habe ja nicht mal einen Stumpf an meinem fehlenden Bein, deshalb liegt die Prothese um mein Becken herum. Da sitzt man den ganzen Tag in Silikon, wie bei den Lackkostümchen.

Frage: Bitte?

Reppe: Na, wenn man den ganzen Tag in Latex rumläuft, schwitzt man darin auch. Das kann sehr unangenehm sein.

Frage: Fühlen Sie sich im Rollstuhl unwohl?

Reppe: Ach, ich sitze auch ganz gerne im Rollstuhl. Meinen Aktiv-Rolli muss man nur mit der Hand anschieben, dann rollt er fast von allein. Ich bin schneller als auf Krücken, und die Arme werden nicht belastet. Vor Wettkämpfen lasse ich mich meist schieben, um Kraft zu sparen.

Frage: Ist es unangenehm, wenn man tiefer sitzt als die anderen um einen herum?

Reppe: Das ist schon doof. Auf Veranstaltungen erlebe ich es, dass man die anderen so von unten angucken muss. Manche bücken sich herunter, das ist auch komisch. Ich habe aber viele Freunde, die im Rollstuhl sitzen. Wenn wir mal auf einer Geburtstagsparty sind, setzen sich eben alle hin. Nur draußen auf der Terrasse stehen die Leute und grillen.

Frage: Seitdem Sie fünf sind, haben Sie nur noch ein Bein. Können Sie sich noch an die Zeit erinnern, als Sie zwei Beine hatten?

Reppe: Nein. Können Sie sich daran erinnern, was Sie mit fünf gemacht haben? Aber vielleicht blende ich das unterbewusst aus.

Frage: Sie hatten einen Nerventumor….

Reppe: Es war ein bösartiger Tumor. Ein Arzt, der damit Erfahrung hatte, sagte: Eine Chemo hilft nicht. Das Bein muss schnell ab. Denn wenn der Tumor hochwandert, hat man keine Chance mehr. Da hat meine Mutter gesagt: Okay, dann jetzt.

Frage: Haben Sie später mit Ihrer Mutter über diesen Moment gesprochen?

Reppe: Für meine Familie war es eine harte Zeit. Ich kann mich kaum an das Krankenhaus erinnern. Ich weiß noch, dass mir meine Eltern Geschichtenlieder von Schallplatte auf Kassette überspielt haben, der Traumzauberbaum. Und ich erinnere mich an eine Krankenschwester, die mir die Ohren geputzt hat, das tat unheimlich weh. Für meine Familie war es schlimm, meine Mutter sieht auf den Fotos ziemlich fertig aus.

Frage: Und dann kamen Sie mit einem Bein in die Schule…

Reppe: Erst mal ging es zurück in den Kindergarten. Ich weiß noch, dass eine Freundin zu mir gesagt hat: Huch, du hast ja nur noch ein Bein. Aber danach haben wir wieder miteinander gespielt. In der Schule gab es kaum Probleme. Natürlich gab es Leute, die mich aufgezogen oder über mich gelacht haben. Dann hab ich zu Hause kurz geheult und es war wieder gut. Am nächsten Tag war ich wieder ein bisschen stärker.

Frage: Haben Sie beim Sportunterricht mitgemacht?

Reppe: Ich durfte mitmachen, ja. Natürlich nur bei den Übungen, die ich machen konnte. In der Realschule war ich sportbefreit. Da wurde viel Volleyball gespielt, da hatte ich keinen Bock, auf einem Bein am Netz rumzuhüpfen. Ich bin lieber zum Schwimmtraining gegangen.

Frage: Ist es beim Schwimmen einfacher, sich mit einem Bein zu bewegen?

Reppe: Das schon. Aber mein Weg zur Schwimmerin war ganz profan: Es gab in Dresden einen Verein, der mich aufgenommen hat, fertig. Da konnte ich einmal die Woche trainieren mit ein paar anderen (hält die Hände hoch und macht mit ihren Fingern ein Anführungszeichen) Behinderten (Abführungszeichen).

Frage: Warum haben Sie das jetzt gemacht?

Reppe: Was?

Frage: Das mit Ihren Händen?

Reppe: Ach so. Das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Wenn ich sage, ich habe in einem Verein mit anderen Behinderten trainiert, dann klingt das so wie: unser kleines Schwimmfest. Ich stelle mir vor, dass es so rüberkommt.

Frage: Machen Sie das, weil Sie denken, dass wir so denken über die "Behinderten"?

Reppe: Behinderung ist in unserer Gesellschaft ein unterdrücktes Thema. Mich nervt, wenn in Berlin an einer Straßenkreuzung Menschen ohne Beine oder Arme stehen und betteln. Da denke ich: Mein Gott, wir versuchen als Sportler, den Leuten zu vermitteln, dass wir genauso viel wert sind wie die anderen. Dann sehe ich diese Leute, und ich sehe diese Blicke der Autofahrer, die sagen: Geb dem doch 50 Cent, diesem armen Behinderten! Das ist genau das, was wir nicht wollen. Das zieht doch unser Image runter.

Frage: Welches Image hätten Sie denn gern?

Reppe: Wir brauchen kein Mitleid. Ich will auch manche Sätze nicht mehr hören: Der Behinderte ist an den Rollstuhl gefesselt. Oder: Das arme Mädchen hat nur ein Bein, aber kann trotzdem dies und das. Ja, warum denn nicht? Lasst doch bitte das Wort "trotzdem" weg!