Vielleicht ist ja Zaha Hadid schuld. Die britische Star-Architektin hat die olympische Schwimmhalle von London entworfen, eine Ikone der Spiele sollte es werden. Aber man kann auch sagen, dass die tollkühn geschwungene Decke, gleichermaßen inspiriert von Blauwal und Rochen, ziemlich bedrohlich über dem Pool hängt. Ist es das, was den deutschen Schwimmern aufs Gemüt geschlagen ist?

Erklärungen werden jedenfalls dringend gesucht für die niederschmetternde Bilanz am Ende der Wettkämpfe im Aquatics Center: Null Medaillen, das gab es zuletzt bei den Spielen von Los Angeles . Nicht denen von 1984, sondern noch ein halbes Jahrhundert früher: 1932. Die Zielvorgabe für 2012 hatte je zweimal Gold, Silber und Bronze gelautet. Am Ende erreichten die wenigsten Athleten überhaupt ihre persönlichen Bestzeiten, während um sie herum die Rekorde purzelten.

Die Verantwortlichen, Sportler wie Funktionäre, tun sich schwer mit der Angabe von Gründen für die Pleite. Anfangs übernahmen noch die Trainer die Verantwortung: falsche Taktik, Gegner unterschätzt, tschuldigung, soll nicht wieder vorkommen. "Nur noch von vorne" wollte man fortan schwimmen, aber auch daraus wurde nichts.

Paul Biedermann hatte sich, offenbar unbemerkt, was ausgerenkt – ein Freund in der Heimat entdeckte das, beim Studium der Fernsehbilder. Eingerenkt erreichte er immerhin das Finale über 200 Meter Freistil. Aber viel besser wurde danach nichts: Platz 4 für Britta Steffen über 50 Meter Freistil und Platz 6 der Lagenstaffel bleiben am letzten Abend unterm Walbauch die besten Ergebnisse.

Die Doppelolympiasiegerin tritt danach durchaus nicht unglücklich vor die Journalisten. Die rote Kapuze der Teamjacke übergezogen, versucht sie sich an ein paar Erklärungen – und macht sich dabei unnötig klein. "Ich bin ja nur ein dummes Sportlerchen", sagt sie zufrieden mit ihrer Zeit – und freut sich erstmal für ihre niederländischen Konkurrentinnen, die Gold und Bronze gewonnen haben.

Soviel Zurückhaltung mag man seltsam finden im Haifischbecken Hochleistungssport, aber mit dieser sympathischen Haltung ist sie auch Doppelolympiasiegerin geworden. "Es stehen immer acht oben auf den Startblöcken, aber es gibt nur drei Medaillen", lautet eine weitere Erkenntnis. Will sagen: Man kann auch mal leer ausgehen – durch Pech, einen schlechten Tag, weil die anderen besser sind.

Aber gleich immer?

Es stimmt ja, dass zu den traditionellen Schwimm-Großmächten USA und Australien längst andere gekommen sind, China sowieso, aber auch Frankreich, Großbritannien , sogar Ungarn . Aber selbst von diesen Mittelmächten des gepflegten Beinschlags ist Deutschland im Moment weit entfernt. Und weil es an der Einstellung allein sicher nicht liegt – jeder, der zu Olympia fährt, will dort sein Bestes geben – stellt sich prompt die Systemfrage.

Einen Bundestrainer gibt es nach der Trennung von Dirk Lange schon länger nicht, ein Nachfolger wird gesucht. Was aber soll der überhaupt leisten? Den Heimtrainern der einzelnen Athleten reinreden? Die Kräfte bündeln, damit der Konkurrenzdruck in starken Trainingsgruppen die Sportler nach vorne bringt? Lässt sich das mit einem Haufen Individualsportler in einem föderalen System überhaupt bewerkstelligen? Den Athleten mehr internationales Know-how vermitteln, wo doch der Schwimmverband knapp bei Kasse ist? Schließlich die Gretchenfrage bei allen Sportarten, von denen man nicht leben kann: Wie lassen sich Training und Beruf oder Studium miteinander verbinden?