Am Sonntagabend war es wieder soweit: Zuerst seine Pose, der Blitzewerfer. Dann muss er sich um das Maskottchen kümmern, das sich immer sofort an ihn ranschmeißt, in diesem Fall ein Zyklop namens Wenlock. Dann läuft er die Ehrenrunde, deren 400 Meter für einen Sprinter sehr lang werden können, vor allem wenn alle paar Meter Gesten und Grimassen für Fotografen und Zuschauer gezeigt werden müssen. Schließlich will auch noch die Weltpresse mit Sätzen versorgt werden.

Erst gut zwei Stunden nach dem Startschuss hat Usain Bolt Feierabend, obwohl sein Rennen nur zehn Sekunden dauerte .

Usain Bolt mag das. Es ist davon auszugehen, dass er sich vor den Mikros ebenso wohl fühlt wie auf der Laufbahn. Wenn er eines sieht, klopft er drauf wie bei einem Soundcheck, rappt ein paar Verse hinein oder sagt Sätze wie: "Dieser Sieg hat mich einen Schritt näher an den Legendenstatus gebracht."

Das 100-Meter-Finale ist stets der Höhepunkt der Olympischen Spiele. Weil schnelles Laufen der Ursport schlechthin ist, seitdem wir uns damals vor dem Säbelzahntiger und anderem Getier in Sicherheit bringen mussten. Acht Männer, die um die Wette laufen, wie es auch Kinder tun. Einfach losrennen, so schnell es geht, nicht umdrehen, auch nicht nach rechts gucken oder links. Diese Schlichtheit fasziniert. Und tatsächlich wird wohl jeder der 80.000 Zuschauer im Londoner Olympiastadion seinen Kindern von diesem Rennen erzählen.

Zum ersten Mal in der olympischen Sprintgeschichte waren alle Läufer schneller als zehn Sekunden. Asafa Powell aus Jamaika einmal ausgenommen, der nach 70 Meter wegen einer Verletzung passen musste, es aber sonst wohl auch geschafft hätte. Usain Bolt gewann das Rennen in 9,63 Sekunden, der zweitschnellsten je gelaufenen Zeit.

Ein wenig überraschend kam das schon. Bolt wirkte in den vergangenen Monaten schlagbar. Was daran liegen könnte, dass er geschlagen wurde, von seinem Landsmann und Trainingspartner Yohan Blake vor ein paar Wochen bei den jamaikanischen Olympiaausscheidungen, sowohl über 100 als auch über 200 Meter. Nicht vergessen war auch Bolts schusseliger Fehlstart bei der WM im vergangenen Jahr in Daegu. Seitdem tänzelte der Jamaikaner nicht mehr ganz so leichtfüßig durchs Leben.

"Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nicht an Daegu gedacht habe", sagt Bolt nach dem Olympiasieg. Und: "Die Niederlagen gegen Blake waren ein Weckruf für mich."