Jogi Löw schafft es, junge, aufstrebende Menschen ins Rampenlicht zu hieven. Unter seiner Ägide debütierten unter anderem Mario Götze und Mesut Özil. Sein größter Coup fand bei dieser Europameisterschaft statt. Er brachte ein völlig vergessenes Berufsbild in die Schlagzeilen: den Balljungen.

Die Balljungen sind eine vernachlässigte Spezies. Als Fernsehzuschauer sieht man meist nur, wie aus der Tiefe des Bildschirmrands ein Ball auf den Platz geflogen kommt. Zu Gesicht bekommen wir Zuschauer sie nur, wenn ihnen ein witziges Missgeschick passiert oder wenn Trainer wie Löw sie veralbern, wie bei der EM geschehen . Dabei hätten sie so viel mehr verdient: Sie sind die Gralshüter jenes schnellen Tempospiels, das von Trainern wie Experten oft als Fußballideal gepriesen wird.

Das kam so: Mitte der Neunziger nahm die Fifa besorgt zur Kenntnis, dass die effektive Spielzeit kontinuierlich abnahm. Messungen zeigten, die effektive Spielzeit lag bei der WM 1990 bei 56 Minuten . Der Rest ging durch Verletzungspausen und Ausbälle verloren.

Die Professionalisierung der Balljungen

Die Regelkommission ging dieses Problem mit einer neuen "Bestimmung zur Ausführung der Regel 2 (Ball)" an. Der DFB umschreibt es so: "Mindestens acht Balljungen sind gemäß der dazu erlassenen Bestimmungen der Fifa um das Spielfeld herum zu platzieren." Seitdem werfen, rollen und fangen die Balljungen in hochoffiziellem Auftrag. In den darauf folgenden Jahren stieg die effektive Spielzeit, bei der Europameisterschaft 2000 erreichte sie 68 Minuten.

Die Effekte sind auch für die Zuschauer nicht zu übersehen: Die Profis müssen nicht mehr hinter jedem Ball hinterherlaufen, auch das "Wegbolzen", das gezielte Schlagen des Balls möglichst weit ins Aus, gibt es nur noch in der Kreis-, nicht aber mehr in der Bundesliga. Die Balljungen garantieren, dass Teams bei Kontern den Spielfluss nicht verlieren, wenn der Ball ins Aus fliegt. Sogar Tore wurden bereits von aufmerksamen Balljungen eingeleitet .


Am Spielfeldrand rumlümmeln, den großen Vorbildern nahe sein, ab und an einen Ball ins Feld werfen – allzu kompliziert klingt der Job zunächst nicht. Doch mit dem zunehmenden Kommerz im Fußball professionalisierten sich auch die Balljungen. "Früher war es so: Freunde kennen Freunde, und die stellen dann die Balljungen. Heute geht das nicht mehr", sagt Sven Ehlen, der beim Hamburger SV für die Balljungen verantwortlich ist.