Als die Favoritin am Mittwochnachmittag plötzlich hinten lag, wurde auf den Tribünen des Courts getuschelt. Ein Break, zum ersten Mal im gesamten Turnier war Esther Vergeer in Rückstand geraten. "Ist das der Tag?", fragte eine Frau in orangefarbenem Trikot auf der Tribüne besorgt. Der Tag, der eine Siegesserie unterbrechen würde, die seit neuneinhalb Jahren anhält, die einzigartig ist im Weltsport.

Nein, es war dann doch ein Tag wie jeder andere. Schon das folgende Aufschlagspiel holte sich die Niederländerin zurück. Danach gab sie kein Spiel mehr aus der Hand und gewann schließlich mit 6:0 und 6:3. Am Freitag steht Esther Vergeer im Tennis-Finale der Paralympischen Spiele von London . Wenn es keine Überraschung gibt, wird sie dann gegen ihre Landsfrau Aniek Van Koot Gold holen – zum vierten Mal in Folge.

Im Januar 2003 verlor Esther Vergeer zuletzt ein Tennisspiel. Gerhard Schröder war damals Bundeskanzler, die USA planten die Irak-Invasion und Ailton führte die Torschützen-Liste der Fußball-Bundesliga an. Seit nunmehr 469 Partien ist Vergeer ungeschlagen, alle Turniere hat sie schon mehrfach gewonnen. Damit ist sie nicht nur die unangefochtene Nummer eins im Rollstuhltennis der Frauen, sondern hält einen Rekord, der nirgendwo im Tennis und wohl auch nirgends sonst im Sport je aufgestellt wurde. Gerade in den letzten Monaten bekam Vergeer von der internationalen Presse das Prädikat "dominanteste Sportlerin der Welt" verpasst.

Nacktfotos im Rollstuhl

Nach dem siegreichen Halbfinale erwartete Vergeer hinter der Tribüne des Londoner Courts Wim Ludeke, den Präsidenten des Nationalen Paralympischen Komitees (NPC) der Niederlande . Ludeke war stolz. "Es ist toll, dass wir so eine Weltklassesportlerin haben. Sie hilft unserer Bewegung enorm ", sagte er. "Eine bessere Werbung als Esther können wir gar nicht bekommen." Vergeer ist längst eine etablierte Persönlichkeit im Geschäft. Zweimal gewann sie den Laureus World Sports Award als Sportsperson with a Disability of the Year . Für das US-amerikanische Magazin von ESPN posierte sie einst nackt

Dabei ist die blonde 31-Jährige nur die Spitze einer starken Behindertensport-Nation. Drei der vier Halbfinalistinnen im Rollstuhltennis kamen aus den Niederlanden. Auf den ersten fünf Plätzen der Frauen-Weltrangliste stehen vier Niederländerinnen, bei den Herren immerhin zwei. Auch in anderen Sportarten gibt es Erfolge: Im paralympischen Medaillenspiegel steht das Land im oberen Mittelfeld und fast ausschließlich hinter Nationen mit deutlich mehr Einwohnern. Relativ zur Bevölkerungszahl kann auch Deutschland nicht mithalten.

"Ich glaube, ich habe riesiges Glück, in Holland aufgewachsen zu sein", sagt Vergeer. "Es ist nicht nur die flache Landschaft, die für Rollstuhlfahrer vorteilhaft ist." Die Niederlande setzen vorbildlich das um, was die UN fordern: Nicht die Integration von Menschen mit Behinderung, sondern die Inklusion, die volle Teilhabe also. Seit 2007 sind das NPC und das Nationale Olympische Komitee (NOC) voll integriert. Die Trainingsstätten sind barrierefrei, in den Hochleistungszentren trainieren behinderte und nicht-behinderte Athleten gemeinsam. "Probleme bei der Nutzung haben wir eigentlich nie", sagt Vergeer.

Als achtjähriges Kind, das zuvor Laufen gelernt hatte, war sie nach einer missglückten Rückenmarkoperation plötzlich vom Unterleib abwärts gelähmt. Als Teil der ärztlichen Behandlung standen verschiedene Sportarten an, Basketball und Tennis gefielen ihr am besten. Sie machte daraus Leistungssport, mit 18 Jahren führte Vergeer erstmals die Weltrangliste im Rollstuhltennis an. "In niederländischen Rehakliniken ist es normal, dass viel Sport getrieben wird", sagt Wim Ludeke. So böten die Einrichtungen für den Verband auch gleich die besten Scoutingmöglichkeiten. "Irgendwo musst du deine Athleten ja finden. Wir arbeiten eben mit den Kliniken zusammen."