Joachim Löw hat sich verändert. Es gibt diese Bilder vom Bundestrainer , auf denen er lässig auf einer Metallstrebe sitzt und seiner Mannschaft zuschaut, die gerade die Österreicher aus dem Stadion schießt. Rings um ihn herum jubeln die Menschen, es ist schon wieder ein Tor gefallen, das 6:2, und Joachim Löw nippt an einer Wasserflasche. Versonnen guckt er auf das, was er da geschaffen hat, sein Kunstwerk. Er ist stolz. Europameister, Weltmeister – alles scheint möglich.

Fast auf den Tag genau ein Jahr später steht Löw an der Seitenauslinie des Wiener Ernst-Happel-Stadions und fuchtelt wild mit den Armen herum. Immer wieder schreit er, droht seinen Spielern, dreht sich um und drischt auf das Plexiglasdach seiner Trainerbank, als sei dieses schuld an dem Schlamassel. Der Künstler erkennt sein Werk nicht mehr wieder.

Zwar hat die deutsche Mannschaft 2:1 gegen Österreich gewonnen , steht mit sechs Punkten aus zwei Spielen wieder mal an erster Stelle ihrer WM-Qualifikationsgruppe. Dennoch wird Joachim Löw sich Sorgen um seine Mannschaft machen. Nach der EM waren das Testspiel gegen Argentinien und die Partie gegen den unterklassigen Gegner aus Färöer noch wenig aussagekräftig. Das Österreich-Spiel sollte das sein, was im Fußballjargon so gerne Standortbestimmung genannt wird. Wenn Löw nach der Partie mal nach links und rechts schaut, wird er frösteln: Erstmals in seiner Amtszeit scheint seine Mannschaft zu stagnieren. Es geht nicht mehr voran.

Dabei geht es gar nicht um die unsägliche Diskussion, um Nationalhymnen und Führungsspieler, die nach dem EM-Aus geführt wurde. Solche Argumente kann man getrost als Kinderkram bezeichnen, beim 6:2 vor einem Jahr musste auch niemand führen oder singen. Nach diesem Österreich-Spiel am gestrigen Dienstagabend geht es ans Grundsätzliche, ans Sportliche, ans Herz des Löw´schen Spiels. Irgend etwas scheint die Mannschaft verlernt zu haben.

Löws Team ist derzeit weder in der Lage gegen einen spielerisch limitierten Gegner, der nicht viel mehr macht, als alle Mann hinter dem Ball zu versammeln, genug Chancen herauszuspielen wie in der Qualifikation zur EM 2012. Noch schafft sie es, einen offensiven Gegner zu überrumpeln wie bei den rauschenden Siegen bei der WM 2010. In Wien gerieten die spielaufbauenden Spieler angesichts des österreichischen Pressing-Furors derart unter Druck, dass sie sich nicht anders zu helfen wussten, als den Ball oft nur lang und weit nach vorne zu plautzen. Wer Löw erlebt, weiß, dass ihn so etwas noch mehr nervt als Oliver Kahn .

Die beiden deutschen Tore waren dann auch eher Zufallsprodukte: Einen in der österreichischen Hälfte verlustig gegangenen Ball leitete Klose flink auf Reus weiter, der in seiner einzig guten Aktion das Tor traf. In Halbzeit zwei traf Mesut Özil per Elfmeter, nachdem Österreichs Veli Kavlak sich im Strafraum entschloss, Thomas Müller über den Haufen zu rennen. Vorher standen sogar gleich zwei deutsche Spieler im Abseits. Ideale Voraussetzungen, um ein Spiel fortan zu kontrollieren, doch selbst das gelingt der Mannschaft in der augenblicklichen Form nicht mehr. Mit hanebüchenen Fehlpässen und Stellungsfehlern baute die DFB-Elf die Österreicher wieder auf.

Vor allem einen hatte Löw auf dem Kieker: Marcel Schmelzer. Der Posten des linken Verteidigers ist schon seit Langem der wunde Punkt im deutschen Spiel. Es gibt schlicht keinen mit deutschem Pass, der die internationalen Anforderungen erfüllt. Deswegen stellt Löw immer wieder Marcel Schmelzer auf, in der Hoffnung, irgendwann wird er es schon lernen. Bis jetzt verlief der Lernkurve eher flach. Schmelzer sorgte dafür, dass Löw immer wieder wütend von seiner Bank aufsprang und man befürchtete, er würde persönlich aufs Feld laufen und den armen Dortmunder vom selbigen zerren.