Es ist kein gutes Zeichen, wenn der Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees auf die Frage nach der Anzahl der Dopingkontrollen verlegen in den Saal blickt und seinen Pressesprecher Details erklären lässt. Es ist kein gutes Zeichen, wenn die Nationale Antidopingagentur (Nada) auf einer Pressekonferenz von einer Partnerschaft mit Apotheken schwärmt, aber auf Nachfragen zum Kontrollsystem im Behindertensport kaum konkrete Antworten hat. Es ist kein gutes Zeichen, dass sich fundierte Studien über Doping im paralympischen Sport an einer Hand abzählen lassen.

Rund 4.200 Athleten aus mehr als 160 Ländern nehmen an den vierzehnten Sommer-Paralympics in London teil, die Fernsehbilder sollen vier Milliarden Menschen erreichen. Das Internationale Paralympische Komitees (IPC) und der Deutsche Behindertensportverband (DBS) werten die Spiele als Meilenstein, ihr Leistungssport werde endlich ernst genommen. Doch zum Leistungssport gehören nicht nur Medaillen und Öffentlichkeit, sondern auch Manipulationen. Wächst mit der Professionalisierung auch die Versuchung? In London fällt besonders auf, dass ein Thema überhaupt nicht auffällt: der Kampf gegen Doping.

1.250 Kontrollen hatte das IPC vor den Spielen angekündigt, so viele wie bei keinen Spielen zuvor. Im Schnitt wird etwa jeder vierte Athlet einmal kontrolliert. Bei den Olympischen Spielen war die Quote mit 5.000 Kontrollen für 11.000 Athleten mehr als doppelt so hoch. Doch ohnehin zeigt sich: Eine hohe Kontrolldichte bedeutet nicht zwangsläufig eine hohe Überführungsrate. Zudem ist es sinnvoller, Sportler in Trainingsphasen zu kontrollieren, nicht im Wettkampf. Doch viele Athleten aus Asien, Afrika oder Südamerika werden in London zum ersten Mal überhaupt getestet.

Leistungssteigerung durch Elektroschocks

Doch auch wenn das IPC doppelt so viele Tests verordnet hätte: Nicht alle Manipulationsmethoden sind nachweisbar. Das gilt vor allem für den Behindertensport. Da wäre zum Beispiel das sogenannte Boosting, das absichtliche Zufügen von eigenen Verletzungen, um den Blutdruck und die Herzfrequenz zu steigern – und damit auch die körperliche Belastungsfähigkeit. Bei Sportlern mit einer Rückenmarksschädigung macht der Körper eine natürliche Steigerung nicht mehr mit.

Laut einer anonymen Umfrage des IPC bei den Paralympics 2008 in Peking gaben 17 Prozent der Befragten zu, Boosting schon versucht zu haben: Durch das Brechen der Zehen, Elektroschocks, das Einklemmen der Hoden oder durch Schrauben an den Rückenlehnen der Rollstühle. Die Deutsche Presse-Agentur zitiert eine Studie von 1994, wonach Rollstuhlfahrer durch Boosting auf einer Strecke von 7,5 Kilometern knapp zehn Prozent schneller waren. Seit 1994 ist Boosting offiziell verboten. Doch über die Methoden sollte weiter gesprochen werden, sagt Jürgen Kosel, Chefarzt des deutschen Paralympics-Teams. Ihm sei aber nicht bekannt, dass je ein Sportler aus Deutschland Boosting probiert hätte.

Dopingkontrollen bei Paralympics hat es erstmals 1984 gegeben, 21 Athleten sind bei den vergangenen drei Sommer-Paralympics des Dopings überführt worden, 18 von ihnen im Gewichtheben. Sie hatten meist anabole Steroide genutzt für einen schnellen Kraftzuwachs. Das teurere Blutdopingmittel Epo, das auch nur mit mehr Aufwand zu finden ist, wurde nicht entdeckt. Nach Olympischen Spielen werden Proben acht Jahre aufbewahrt, für später modernere Kontrollmethoden. Nach den Paralympics wurden ausgewählte Tests nur wenige Monate gesichert, aus Kostengründen. In London wird einer der drei Medaillengewinner pro Wettkampf getestet. Das Kontrollsystem ist gewachsen, aber mit dem Netzwerk im Nichtbehindertensport kann es noch lange nicht mithalten.