An einem dieser New Yorker Regentage, wenn es ein Albtraum ist rauszugehen, sitze ich zu Hause und mache, was jeder intellektuelle New Yorker tut: Ich beschäftige mein Hirn mit obsessivem E-Mail-Checken auf meinem Tablet. Schon kommt eine – von der Yiddish Farm. Moment, Yiddish Farm? Gibt es jüdische Bauern? Wirklich? In New York ?

Der E-Mail nach gibt es Juden, die Früchte ernten, Knoblauch pflanzen, Ziegen melken und schlachten, und das alles auf Jiddisch. Steht zumindest hier, schwarz auf weiß, und ich weiß ja: Was auf dem Bildschirm steht, ist wahr.

Ich warte, bis der Regen aufhört, und steige dann sofort in den nächsten Zug nach Goshen in Upstate New York, wo mich ein jüdischer Farmer namens Naftali vom Bahnhof abholt und zum Bauernhof bringt.

Die Yiddish Farm - es gibt sie wirklich. Ich treffe Yisroel, einen chassidischen Bauern mit langen Schläfenlocken, einer schwarzen Jarmulke, einem halb chassidischen, halb mexikanischen Hut und sogar mit Zizits, den Quasten. Seine sehen allerdings so aus, als hätte Gucci sie entworfen und nicht ein Rabbi.

Wo sind die Tiere?, frage ich voll arbeitswilliger Vorfreude. Yisroel, froh einen Juden zu sehen, der sich die Hände schmutzig machen will, bringt mich zu seinen Tieren: zwei Ziegen.

Ich muss erwähnen, dass es wunderschöne Ziegen sind. Es sind Böcke, also geben sie leider keine Milch, allerdings sind es chassidische Ziegenböcke: wunderschön! Auf hölzernen Tafeln über ihnen stehen Sprüche aus heiligen jüdischen Quellen. Was bei chassidischen Ziegen nur logisch ist.

Hat Yisroel auch Schweine?
Nee.
Um ehrlich zu sein: Es gibt gar keine anderen Tiere. Das allerdings hat pragmatische Gründe. Die Tiere sind noch nicht geliefert. Aber sie kommen bald.
Wann?
Auf jeden Fall noch vor der Ankunft des Messias.

Aber die Felder sind schon hier. Yes! Wie sie vielleicht wissen, interessiere mich für Sport und Fitness und bin hier, um zu beweisen, dass Landarbeit besser ist als ein Fitnessstudio.

Peinlicherweise muss ich zugeben, dass ich keine Ahnung habe, wie man zum Beispiel Knoblauch anbaut. Aber mir wird sofort mitgeteilt, dass Yisroel und seine Kollegen es mir liebend gern zeigen werden, sobald sie alle Neuankömmlinge begrüßt haben. Und tatsächlich: Ein Auto nach dem anderen kommt an, ein jedes voller potenzieller Bauern-Juden aus allen Ecken Amerikas . Es sieht so aus, als ob jeder lebende Jude mit eigenen Augen sehen und mit den eigenen Händen arbeiten will. Schön, dass ich hier nicht der einzige Exzentriker bin.

Der Unterricht beginnt. Ich bin völlig enthusiastisch. Mein großer Traum wird wahr werden: Ich werde Knoblauch pflanzen und ernten!

Aber nicht so schnell. Die Arbeit am Knoblauch, wird mir erklärt, beginnt nicht mit schmutzigen Fingern. Nee. Sie beginnt mit einem Lied. Und ehe man singen darf, muss man noch etwas Jiddisch lernen.

Sie fragen sich sicher, was diese komplizierten Einführungen sollen. Ganz einfach: Wer fit und gesund sein will, kann nicht einfach ins Fitnessstudio rennen oder sportliche Sachen machen. Nein! Klar kann man diese Dinge tun, aber wichtig sind sie nicht. Das Wichtigste ist das Gehirn. Genau. Und die ersten Muskeln, die trainiert werden müssen, sozusagen Vater und Mutter aller Muskeln, sind die Denkmuskeln. Also: Jiddisch lernen.

Ich bin bereit.