Armando Gobbato ist vor 73 Jahren in einem Dorf in der Gegend von Bergamo geboren. Er war einer der ersten "Gastarbeiter" in Wolfsburg . Als er ankam, sah er aus wie die Skulptur L’Emigrante von Quinto Provenziani auf dem Willy-Brandt-Platz vor dem Wolfsburger Bahnhof: kleiner Koffer, kleiner Mann, Anzug. In Gobbatos Koffer waren "ein paar Hosen, ein paar Hemden, ein Pyjama".

Wir sitzen unter einem großen Foto von Andrea Barzagli, der für den VfL Wolfsburg gespielt hat, und jetzt für Juventus Turin . Er war mal hier zu Gast, bei der U.S.I. Lupo-Martini Wolfsburg, dem ältesten Gastarbeiterklub Deutschlands. Feiert dieses Jahr fünfzigsten Geburtstag. Luca Toni war auch mal da, und Cristian Zaccardo, einer der Spieler, die Trainer Felix Magath auf dem Gewissen hätte, hätte er eins.

Gobbato erzählt, dass in der Zeitung von Bergamo stand damals in den Sechzigern, dass in Deutschland Arbeitskräfte gesucht werden. Gobbato meldete sich in Verona . "Ich wurde untersucht", sagt er, Kranke wollten sie in Deutschland nicht haben. In Verona waren auch Vertreter der Betriebe, die Arbeitskräfte suchten. Einer fragte: "Wer will Volkswagen ?" Gobbato wollte.

Er kam nach Wolfsburg, lebte in einer Baracke im Lager Berliner Brücke. "Die Deutschen", sagt er, "wollten das Wort Lager nicht hören. Aber es war ein Lager." Die Italiener sollten Gäste sein: Konjunktur gut, Arbeitskräfte her, Konjunktur schlecht, Arbeitskräfte wieder weg.

"Im Lager gab es einen Werkschutz und Sperren", erinnert sich Gobbato. Man brauchte einen Ausweis, um rein und wieder rauszukommen. Auf zwölf Quadratmetern lebten vier Mann, Etagenbetten, ein Tisch, vier Stühle, ein Schrank für jeden. Kleiner Schrank. Geduscht wurde im Werk. Er arbeitete an einer Maschine, für 150 Mark im Monat. Im Jahr 1967 ist er zu einer deutschen Familie gezogen.

Wie war das Verhältnis zu den Deutschen? "Oh ja, oh ja", sagt er, "sie haben uns Badoglio genannt." Ein paar Deutsche glaubten, den Krieg nur verloren zu haben, weil die Italiener, vor allem Marschall Pietro Badoglio, zum Feind übergelaufen waren, und nun deutsche Truppen nach Italien geschickt werden mussten, weshalb die Ostfront nicht gehalten werden konnte. Wie es wirklich war und welche Verbrechen die Deutschen in Italien begangen hatten, wollte in den frühen Sechzigern keiner wissen.

Es gab Witze wie den, dass die italienischen Panzer einen Gang mehr haben: Rückwärtsgang. Darüber lachen Gobbato und Rocco Lochiatto, 61, seit drei Jahren im Ruhestand und erster Vorsitzender der U.S.I. Lupo-Martini.

Dann gab es Spaghetti in der VW-Werkskantine und andere Pasta, bei Hertie gab es italienische Waren und einen Dolmetscher, der den Italienern, die noch kein Deutsch konnten, alles erklärte. Es gab eine italienische Eisdiele, schon lange und nun auch ein paar Restaurants. Es gab deutsche Lokale, "die was Italienisches versucht haben", sagt Lochiatto, "wir haben hier nicht schlecht gelebt". Gobbato nickt und nippt an seinem Grappa.

"Die haben sich bemüht und die Integration ist gelungen", findet Lochiatto. Die Gewerkschaft, die IG Metall, bei der viele italienische Kollegen Mitglied waren, so, wie zu Hause, half auch. Gobbato und Lochiatto, der bei VW in der Lackiererei arbeitete, waren beide Betriebsräte – "für alle, nicht nur für die Italiener", sagt Lochiatto.

Italiener in Wolfsburg, das hatte Tradition. Im Jahr 1938, als das Verhältnis zwischen dem faschistischen Italien und dem nationalsozialistischen deutschen Reich noch ungetrübt war, hatten 50 bis 60 Fachkräfte aus Norditalien die ersten Häuser der neuen Stadt und das Volkswagenwerk gebaut. Gobbato weiß noch, wie er, als er mal in Bergamo war, einen alten Mann traf, der ihn fragte, wo er arbeitet. "Wolfsburg", sagte Gobbato, der Alte zuckte mit den Schultern. Gobbato fragte den Alten, wo er in Deutschland war. "Fallersleben", sagte der.