Frage: Herr Karageorghis, wie beeinflusst Musik die sportliche Leistung — passiert dies primär auf der emotionalen Ebene, oder spielen auch körperliche Aspekte eine Rolle?

Costas Karageorghis: Es gibt eine ganze Bandbreite physiologischer, psychologischer, psycho-physiologischer und neurophysiologischer Aspekte, die dabei zum Tragen kommen. Auf psycho-physiologischer Ebene reduziert Musik gerade in Trainingssituationen unsere Wahrnehmung von Anstrengung, da sie die Kommunikation zwischen der Muskulatur und dem Schmerzzentrum im Gehirn teilweise blockiert sowie einen als unangenehm empfundenen Impuls der Erschöpfung mit dem anregenden Reiz des Klangs ersetzt. Durch gezielt zusammengestellte Musik reduziert sich das Empfinden von Anstrengung um bis zu 12 Prozent und selbst bei willkürlich abgespielten Titeln immer noch um durchschnittlich 8 Prozent. In emotionaler Hinsicht beeinflusst uns Musik ebenso stark: Sie verstärkt positive Gemütszustände und reduziert negative Emotionen wie Anspannung, Erschöpfung, Ärger und Depressionen.

Frage: Weil man schöne Erinnerungen mit einem bestimmten Musiktitel verbindet?

Karageorghis: Ja, durch Erinnerungen, die unser Gehirn in Verbindung mit einem Musiktitel abspeichert: Wenn wir ein bestimmtes Stück mit einer schönen und erfolgreichen Zeit in unserem Leben assoziieren, bringt es diese positiven Momente in unser Empfinden zurück, wenn wir es wieder hören. Bei der Arbeit mit Athleten, die gerade einige Misserfolge hinter sich haben und über Angstzustände vor anstehenden Wettkämpfen klagen, beschäftige ich mich also mit ihrer auditiven Vergangenheit und vergleiche diese mit Zeiträumen, in denen sie zum Beispiel bei olympischen Spielen und Weltmeisterschaften außerordentlich erfolgreich waren. Aus diesen Erkenntnissen leite ich eine gewisse Bilderwelt ab, die ich dann gezielt einsetze, um einen erfolgreichen Gemütszustand zu restimulieren.

Frage: Können Sie die neurophysiologischen Aspekte erklären?

Karageorghis: Es scheint im Gehirn so etwas wie einen "Mustergenerator" zu geben, der den Takt der körperlichen Stimulation innerhalb unserer Muskulatur bestimmt. Viele Arten menschlicher Bewegung sind rhythmischer Natur, und der Rhythmus der Musik wird vom Körper reproduziert. Wir können somit ein rhythmisches Modell dazu benutzen, um die Bewegung unseres Körpers noch effizienter zu gestalten. Das ist auch der Grund dafür, warum erfolgreiche Fußballmannschaften wie Ajax Amsterdam oder Arsenal London Musik zur rhythmischen Unterstützung ihres Balltrainings benutzen.

Frage: Welche Rolle spielen Texte in der Motivation für einen Wettkampf?

Karageorghis: Die verbalen Aspekte, die durch Songtexte in die Musik einfließen, können von großer Wichtigkeit beim Erlernen bestimmter sportlicher Fähigkeiten sein. Vor einiger Zeit habe ich zum Beispiel mit einer Gruppe junger Kugelstoßer gearbeitet. Der häufigste Fehler in dieser Disziplin ist, dass die Athleten die Kugel nicht etwa aus ihrem Nacken heraus stoßen, sondern versuchen, sie wie einen Tennisball zu werfen. Ich habe also den alten Dancefloor-Klassiker Push it! von Salt’n Pepper eingesetzt, um den technischen Aspekt der Übungen mehr in den Vordergrund zu stellen, und die Erfolge waren nahezu unmittelbar sichtbar. Dies funktioniert auch auf einer höheren Ebene. Bei den olympischen Spielen haben zum Beispiel sehr viele Topathleten von der Kraft positiver Musiktexte Gebrauch gemacht, um ihre Motivation zu steigern.

Frage: Auch der US-Schwimmer Michael Phelps, der ständig mit Kopfhörern zum Startblock gelaufen ist?

Karageorghis: Ja, Phelps benutzte etwa den Titel I am Me von Lil‘ Wayne, der unter anderem die Textzeile "Yes, I‘m the best, I‘m definite, I know the game like I‘m reffing it" ("Ich bin der Beste, der Definitive, ich kenne das Spiel, als wenn ich es leiten würde") enthält — ein wichtiges Puzzleteil in seiner Vorbereitung. Ich selbst habe bei den Olympischen Spielen mit dem britischen Hürdenläufer David 'Dai' Greene gearbeitet. Dai hat mich an meinem Arbeitsplatz an der Brunel Universität besucht, wo ich mich zunächst mit seiner Musikbibliothek befasst habe, um einen Eindruck von den psycho-akustischen Wirkungen der Stücke zu gewinnen, die er benutzt, um seine Stimmungen und Emotionen optimal auf den Wettkampf einzustellen. Der DJ und Produzent Redlight ist sein Lieblingskünstler, und so trafen wir uns daraufhin mit ihm im Studio, um einen extra für Dai komponierten Song aufzunehmen, den er für die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele nutzen konnte. Er brauchte dabei keinen Titel, der ihn zusätzlich stimulierte, sondern vielmehr einen, der seine Emotionen regulierte und ihn somit davon abhielt, zu "überdrehen" und zu viel Energie zu verbrauchen. Der entstandene Song heißt Talk to the Drum und ist mit einer Taktgeschwindigkeit von 126 BPM (Beats pro Minute) geradezu optimal für diesen Zweck.

Frage: Mit Erfolg?

Karageorghis: Absolut. In den Wochen vor den Spielen übertraf Dai damit sogar seinen persönlichen Rekord. Leider verletzte er sich dann in der Vorbereitung, und mit einem Sieg bei Olympia wurde es schließlich nichts. Trotzdem ist dieses Beispiel ein Fingerzeig, und ich erwarte, dass sich in Zukunft noch mehr Athleten ihre eigene Musik praktisch maßschneidern lassen.