Frage: Das eröffnet auch der gebeutelten Musikwelt ganz neue Einnahmequellen ...

Karageorghis: ... und vermischt die Welt der Musik mit der des Sports. Beide teilen nämlich ein kulturübergreifendes Phänomen: Sie sprechen eine globale Sprache auf der Ebene von Emotionen. Musik wird indes schon seit langem ein- gesetzt, um Zuschauer und Athleten in den Stadien in Stimmung zu bringen. Es gibt allerdings auch Negativbeispiele: Während der Fußball-Europameisterschaft in England im Jahre 1996 musste das englische Team im Viertelfinale gegen seinen alten Rivalen Deutschland antreten, und die Organisatoren spielten den Titel Three Lions von den Lightning Seeds, als die Mannschaften das Stadium betraten. Dummerweise handelt der übrigens von zwei britischen Komikern geschriebene Songtext hauptsächlich von der Tatsache, dass England seit 1966 keinen wichtigen Titel mehr gewinnen konnte. Kein Wunder also, dass es in der Folge einmal mehr gegen Deutschland verlor.

Frage: Das komplette Gegenbeispiel ist der Song Der Weg von Xavier Naidoo, der als Motivation der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2006 diente und der zum Thema hat, dass auch ein schwerer Weg trotz aller Widerstände erfolgreich begangen werden kann ...

Karageorghis: Eine wirklich hervorragende Wahl, zu der man den Verantwortlichen nur gratulieren kann. Die Sportgeschichte ist voll von diesen positiven Beispielen. Da gab es zum Beispiel das hervorragende Team der Tottenham Hotspur aus den frühen Achtzigerjahren. Auf ihrem Weg zum FA-Cup-Gewinn in London nahmen sie zusammen den Titel Ossie’s Dream — Spurs are on Their Way to Wembley auf, der sich auf deren damaligen Star Osvaldo Ardiles bezog. Und auch dreißig Jahre nach dem tatsächlichen Pokalerfolg singen die Fans diesen Song noch in Tottenhams Stadion.

Frage: Ein weiterer weltweiter Klassiker der Fußballfans ist You’ll Never Walk Alone ...

Karageorghis: Die heute populäre Version von You’ll Never Walk Alone wurde in den Sechzigerjahren von Gerry & the Pacemakers zusammen mit dem Beatles-Produzenten George Martin aufgenommen. Die Pacemakers stammten aus Liverpool, und so gehörte der Song schon bald zum Standardrepertoire des Liverpooler Fanblocks "The Kop". Sinn und Zweck des Titels ist es, der Mannschaft das Gefühl zu verleihen, dass das ganze Stadion hinter ihr steht, dass also quasi ein unzerstörbares Band zwischen Fans und Spielern besteht, das sie zu einer Einheit zusammenschweißt. Er stellt eine wirklich mächtige Hymne dar, die im Laufe der Zeit auch von anderen Athleten benutzt wurde. So zum Beispiel von dem britischen Tennisprofi Barry Cowan, der in erster Linie dafür bekannt ist, dass er den mehrfachen Champion Pete Sampras in einem Zweitrunden-Match in Wimbledon durch die vollen fünf Sätze zwang. In den Pausen zwischen den einzelnen Spielen setzte er sich Kopfhörer auf und hörte sich das Lied an. Die Geschichte dahinter: Als er noch ein kleiner Junge war, nahm ihn sein Vater oft zu den Spielen des FC Liverpool mit, wo er die Hymne aus voller Kehle mitsang. Und als er den Song auf dem Centre Court von Wimbledon hörte, erinnerte er ihn daran, dass das ganze Publikum hinter ihm stand, und inspirierte ihn so zu der Leistung seines Lebens.

Frage: Wie stelle ich die optimale Playlist für mein eigenes Training zusammen?

Karageorghis: Das ist eine sehr umfangreiche Frage, und wir haben uns immerhin fast zwanzig Jahre mit der Antwort befasst. In den vergangenen sechs Jahren haben wir große Fortschritte gemacht und festgestellt, dass es so etwas wie einen "Sweetspot", also eine optimale Wirkung des Tempos von Musik in Verbindung mit sportlicher Aktivität gibt. Es sieht so aus, als wenn Musik mit einer Taktgeschwindigkeit von 125 bis 140 BPM die beste Wirkung erzielt. Es handelt sich jedoch nicht um eine lineare Beziehung: Wenn ein Läufer also während seines Trainings schneller wird, muss er nicht zwangsläufig die Geschwindigkeit seiner Musik erhöhen, was in der Vergangenheit oftmals empfohlen wurde. Viel wichtiger ist die Auswahl von Songs mit einer gleichbleibend rhythmischen Qualität, mit bestätigenden Texten und positiven Harmonien. Titel, in denen Dur- Akkorde vorherrschen, eignen sich besser als Stücke in Moll. Die Musik sollte ferner die eigenen musikalischen Hörgewohnheiten widerspiegeln und aus dem Kulturkreis beziehungsweise dem sozialen Umfeld des Athleten stammen. Man sollte auf Synkopen, also wechselnde Betonungen der Takte, ebenso verzichten wie auf Titel, die in ihrem Verlauf langsamer oder schneller werden. Außerdem sollte die eigenen Playlist möglichst viel Abwechslung bieten und alle paar Wochen neu zusammenstellt werden, damit keine Langeweile und somit Irritationen während des Trainings oder Wettkampfs aufkommen.

Frage: Gilt das für jede Trainingseinheit?

Karageorghis: Nein, nicht jede Trainingseinheit muss übrigens mit Musik untermalt werden — auf zwei Sessions mit musikalischer Unterstützung sollte eine ohne folgen, damit keine unbewusste Desensibilisierung stattfindet. Denn wie bei jeder anderen Stimulanz auch lässt die Wirkung von Musik nach, wenn sie überdosiert wird. Außerdem riskiert man einen Abfall der eigenen Leistung im Wettkampf, wenn man nicht gewohnt ist, ohne Musik Sport zu treiben — denn es gibt ja durchaus Sportarten, in denen die Nutzung von MP3-Playern nicht erlaubt ist, zum Beispiel im Radsport.

Frage: Kann Musik auch gezielt zur Steigerung der eigenen Leistung eingesetzt werden?

Karageorghis: Wenn ich mit Athleten arbeite, nehme ich sie in den verschiedenen Phasen ihrer Leistungsintensität auf Video auf. Dann suche ich Musik aus, die im Tempo zu diesen verschiedenen Phasen passt. Oftmals benutze ich jedoch den Trick, die ausgewählten Titel um einen oder zwei Takte pro Minute schneller zu machen, um die Sportler zusätzlich anzutreiben. Musik funktioniert in diesem Fall wie ein Metronom für die eigene Leistung und kann somit gezielt eingesetzt werden, um neue Höhenflüge anzuregen.