Frage: Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?

Karageorghis: Ein leuchtendes Beispiel ist der äthiopische Langstreckenläufer Haile Gebrselassie: Ich war selbst dabei, als er 1998 bei einer Leichtathletikveranstaltung in Birmingham die Organisatoren bat, während seines Laufs seinen Lieblingssong zu spielen, nämlich Scatman von Scatman John. Vom Start weg führte er damit das Feld an; seine Mitläufer konnten ihm in keinem Moment folgen. Er übertraf den damaligen Weltrekord um 1,5 Sekunden und stellte damit einen Meilenstein in seiner Disziplin auf. Als Begründung für dieser Leistung gab er später an, dass die Musik optimal zur seiner Höchstgeschwindigkeit passt. Und auch in der Folgezeit brach Gebrselassie zahlreiche Weltrekorde durch die Synchronisation seines Laufs zur Musik.

Frage: Was tut man aber, wenn man eine extrem hohe Schrittgeschwindigkeit besitzt?

Karageorghis: Es ist in der Tat schwierig, die passende musikalische Begleitung zu finden, wenn man eine hohe Geschwindigkeit von zum Beispiel 170 Schritten pro Minute hat — es gibt nur wenig Musik, die eine entsprechende Taktrate besitzt. Es ist dann besser, relativ langsame Musik, wie zum Beispiel R’n’B-, Urban- oder ausgesuchte Rap-Titel zu hören, die zwar einen niedrigen Takt, aber vergleichsweise prägnante Rhythmen aufweisen. Ein Läufer nimmt dann einfach zwei Schritte pro Takt und kann so trotzdem seine eigene Leistungsgrenze erhöhen.

Frage: Was befindet sich denn derzeit auf Ihrem eigenen iPod?

Karageorghis: Viele der klassischen Michael-Jackson-Songs sind meiner Ansicht nach einfach zeitlos relevant für nahezu jede Form sportlicher Aktivität. Wenn ich drei Songs auswählen müsste, wären das Blame it on the Boogie bei 113 Beats pro Minute, Off the Wall bei 119 BPM und Thriller bei 118 BPM. Ich mag außerdem lateinamerikanische Musik, zum Beispiel Mas Que Nada von Sérgio Mendes, was er zusammen mit den Black Eyed Peas 2006 in einer fantastischen Version neu aufgenommen hat. Wenn wir über aktuelle Musik sprechen, dann favorisiere ich derzeit den Titel Domino von Jessy J, der eine Taktzahl von 127 BPM aufweist. Ich mag Wild One von Flo Rida, das ebenfalls 127 BPM schnell ist. Ich bin außerdem ein großer Fan des britischen Hiphop-Duos Rizzle Kicks, deren Song Mama Do the Hump sich mit 99 BPM hervorragend für schnelle Läufe eignet. Der wirkliche Sport-Klassiker auf meiner Playliste ist jedoch I Like to Move it aus dem Jahr 1994 mit 123 BPM.

Frage: Und wie laut darf diese Musik abgespielt werden?

Karageorghis: Es gibt eine einfache Merkregel: Man sollte intensive Trainingseinheiten grundsätzlich nicht mit extrem lauter Musik verbinden, und zwar aus einem einfachen Grund: Während des Trainings steigt der Blutfluss zu den arbeitenden Muskeln stark an, was das Innenohr sehr empfänglich für potenzielle Schädigungen macht und bei einer hohen Lautstärke zu temporärem Hörverlust und mit der Zeit sogar bleibenden Tinnitus-Symptomen führen kann. Unsere Großeltern hatten ein viel besseres Gehör, unsere Eltern haben ein besseres Gehör und unsere Kinder werden ein nochmals schlechteres Gehör als wir selbst besitzen, und zwar aufgrund der heutigen intensiven Nutzung von portablen Musikabspielgeräten. Man sollte also Musik nur zeitweise und vor allem bei einer gemäßigten Lautstärke hören, sodass man sich auch dann noch problemlos unterhalten kann, wenn man Kopfhörer trägt.