Im September tauchte Jakub Błaszczykowski alleine vor René Adler auf. Es war in der Schlussphase des Spiels Hamburger SV gegen Borussia Dortmund , es stand 3:2. Adler blieb lange stehen und machte die Großchance zum Ausgleich zunichte. Es war nicht seine erste Parade in diesem Spiel und es war nicht Adlers erste und einzige überragende Leistung für seinen neuen Verein. Als der Sensationssieg feststand und die HSV-Fans seinen Namen sangen, hob er kurz die Faust. Vor den Kameras sprach er gelassen im selben Ton wie bei den enttäuschenden Niederlagen zuvor. Adler betonte die Leistung des Kollektivs.

René Adler ist auf und neben dem Platz nur schwer aus der Ruhe zu bringen, das hat auch mit seiner Vorgeschichte zu tun. Seit etwa zwei Monaten darf er wieder Wochenende für Wochenende das machen, was er am besten kann: Bälle halten. Zuvor war er mehr als zwei Jahre fast ausschließlich zum Zuschauen verdammt.

Diesen Sturz empfand er als tief. Es ist noch nicht lange her, da galt er als Liebling der Fans und der Medien. Vor gut fünf Jahren verdrängte er mit 22 Jahren den Routinier Jörg Butt im Tor von Bayer Leverkusen nach nur wenigen Einsätzen. Dann hielt er zwei Jahre lang nahezu fehlerfrei, setzte sich zunächst gegen den sechs Jahre älteren Timo Hildebrand als Nummer Drei der Nationalelf durch. Vor allem wegen zweier starker Leistungen in den wichtigen Qualifikationsspielen gegen Russland bestimmte ihn Joachim Löw zur Nummer 1 für die WM 2010.

"Das geht ganz schnell, dass Du nicht mehr gefragt bist"

Doch dann verletzte sich Adler, musste die WM absagen und wurde ersetzt: im deutschen Tor durch Manuel Neuer , in Leverkusen durch Bernd Leno, zwei Jüngere. "Ich weiß, es gibt schlimmere Schicksale", sagt Adler heute über seine Zeit als Ersatztormann Leverkusens, aber er habe sehr gelitten. Manches mal blieb er dem Stadion fern. "Es war nicht auszuhalten, ich konnte mein Team weder verlieren noch gewinnen sehen." Adler, der Hochtalentierte, wurde vom Selbstzweifel regiert.

Er bezeichnet seine Zwangspause als Lernphase. "Ich wurde geerdet", sagt er. Adler hat in dieser Zeit die Bestätigung von Außen gefehlt, etwa wenn er im Leverkusener Vereinsheim auf Fans traf. "Das geht ganz schnell, dass Du nicht mehr gefragt bist. Das war schmerzhaft", sagt er.

In dieser Zeit hat sich Adler geschworen, seinem Leben neue Facetten hinzuzufügen. "Ich habe gemerkt, dass man nie nur auf Fußball setzen darf, wie ich das früher tat", sagt er. Heute interessiert er sich, inspiriert auch von seinem Bruder Rico, für Kunst und Kunsthandel. Regelmäßig trifft er sich mit einer Hamburger Galeristin. "Ich höre ihr einfach zu, da kann ich viel lernen." Im nächsten Jahr will er ein Studium der Betriebswirtschaft beginnen – kein Fernstudium, sondern echte Vorlesungen, mit direktem Kontakt zu Professoren und Studenten.

"Das Lob will ich gar nicht hören"

Adler ist neugierig, zeigt Interesse an Politik, Kultur und Zeitgeschichte. Er ist auf der Suche nach geistiger Anregung. Die kommt in einer denkfeindlichen Umgebung wie Fußball zu kurz. Das sagt er natürlich nicht. Überhaupt ist das Etikett "der andere Profi", das weiß Adler, ein gefährliches. Doch bei einem Treffen in einem italienischen Restaurant in der Hamburger Innenstadt sprudeln die Themen aus dem gebürtigen Leipziger heraus, von den Vorzügen des Lebens in der Großstadt, über seine Liebe zum Herbst und seinen Hang zur Melancholie bis zur Frage, ob Ostdeutsche eine eigene Identität haben. Längst hängt ein Porträt von ihm, abgelichtet mit dem italienischen Wirt, an der Wand. Manchmal passiert es, dass er nach einer seiner langen Antworten lächelnd sagen muss: "Wie war noch mal die Frage?"

Respektvoller Wettkampf mit Robert Enke

Ein wichtiges Thema ist für Adler der Umgang mit seinen Konkurrenten. Die Rivalität unter Tormännern ist eine besondere, speziell in Deutschland, wo es sehr viele junge Talente gibt. Dass er zwischenzeitlich ein Opfer dieser Konkurrenz wurde, hat Adler nicht vergessen. Man merkt es ihm vor allem an, wenn er über jüngere Kollegen redet. "Heute haben es Jüngere leichter als vor wenigen Jahren, das hat auch mit Manuel Neuer und mir zu tun", sagt er. Mit seinem aktuellen Stellvertreter, dem fünf Jahre älteren Jaroslav Drobny, der ihm weichen musste, verstehe er sich sehr gut.

Über einen anderen ehemaligen Konkurrenten möchte er nicht reden, Robert Enke , der sich im November 2009 das Leben nahm. Enke hatte den jüngeren Herausforderer Adler eine Zeitlang beargwöhnt, ertrug nur schwer die Bestnoten für Adler. Doch ließ er sich von dessen Freundlichkeit anstecken, beide pflegten fortan im Kampf um das deutsche Tor einen respektvollen Wettkampf.

Die Tragödie um Enke, die lange Verletzungspause Adlers, beides wirkt, als wäre es lange her. Nun, am Beginn seiner zweiten Karriere, erlebt Adler wieder die Sonnenseite des Tormanndaseins. Er schwärmt von der HSV-Familie, hat einen Fünfjahresvertrag unterschrieben. Hamburg ist in wenigen Monaten zu seiner Lieblingsstadt geworden. Mit Rafael van der Vaart gibt er den Publikums- und Medienliebling . Er zeigt durchweg starke Leistungen , auch bei den Niederlagen.

Derzeit ist er, der vor einem halben Jahr abgeschrieben schien, der Beste der Liga. Längst wird er wieder in der Nationalmannschaft gehandelt, Löw hat das bestätigt.

"Das viele Lob will ich gar nicht hören", sagt Adler. Er weiß, dass sich das Blatt für einen Tormann schnell wenden kann. Er traut sich ein Comeback zu. Aber Kampfansagen braucht Manuel Neuer von Adler nicht zu fürchten.