"Mein Lieblingsspieler ist Tim Wiese" – Seite 1

ZEIT ONLINE: Frau van Almsick, fangen wir ganz einfach an: Mögen Sie Fußball?

Franziska van Almsick: Ich habe früher eigentlich nie die Bundesliga verfolgt, nur mal bei EMs und WMs Fußball geschaut. Mittlerweile habe ich mehr Zeit und habe erkannt, dass es Spaß macht, eine Mannschaft über einen längeren Zeitraum zu begleiten. Mal ist man enttäuscht, mal gewinnt man. Ich finde das wahnsinnig spannend.

ZEIT ONLINE: Spannender als Schwimmen?

van Almsick: Das kann man nicht vergleichen. Schwimmen ist für einen kurzen Augenblick spannend. Da gibt es gleich einen Sieger. 200 Meter Freistil sind nach weniger als zwei Minuten vorbei. Eine Fußballsaison dauert fast ein ganzes Jahr.

ZEIT ONLINE: Haben Sie mal selbst gespielt?

van Almsick: Früher in der Schule. Aber irgendwann wurde das Verletzungsrisiko zu groß. Eine Knieverletzung kann man als Leistungssportlerin nicht gebrauchen.

ZEIT ONLINE: Sie haben 2011 den DFB-Pokal zum Finale aufs Feld getragen. Da jubelten ihnen 76.000 Zuschauer zu. So viele waren es beim Schwimmen nie, obwohl Sie ja nicht unerfolgreich waren. Waren Sie manchmal neidisch auf die Fußballer?

van Almsick:  Ich habe diesen Auftritt natürlich genossen. Neid ist aber etwas, was ich grundsätzlich nicht kenne. Natürlich steckt im Fußball mehr Geld als im Schwimmen, die Schwimmvereine müssen um jeden Euro kämpfen. Aber Fußball ist nun einmal die Nummer eins in unserem Land. Ich habe großen Respekt vor Fußballern. Und ich weiß gar nicht, ob das so toll ist, jedes Wochenende vor so vielen Menschen zu spielen und sich jedes Wochenende auch von so vielen Menschen beurteilen zu lassen. Das hat alles sein Für und Wider.

ZEIT ONLINE: Sie sind Fan und Mitglied der TSG Hoffenheim. Wie kam das denn?

van Almsick: Ich bin vor acht Jahren nach Heidelberg gezogen. Damals, da lege ich Wert drauf, spielte der Klub noch in der Dritten Liga. Ich habe miterlebt, wie der Verein bis in die Erste Liga aufgestiegen ist und fand es einfach schön, bei dieser Geburt dabei zu sein.

ZEIT ONLINE: Wie oft wird die Nase gerümpft, wenn Sie von Ihrem Verein erzählen?

van Almsick: Oft. In erster Linie natürlich weil man mich als waschechte Berliner Göre kennt und denkt, ich müsste Hertha-Fan sein. Aber ich hatte damals in Berlin keine Zeit, mich für Fußball zu interessieren. Jetzt ist Hoffenheim mein Heimatverein und das wird auch so bleiben. Dafür schlägt mein Herz.

ZEIT ONLINE: Können Sie verstehen, dass viele Fans den Verein nicht mögen, um es mal vorsichtig zu formulieren?

van Almsick: Nein, ich finde das oft maßlos übertrieben. Der TSG zu unterstellen, dass sie kein Traditionsverein ist, finde ich anmaßend und albern. In der ersten Liga sind wir natürlich ein junger Verein, aber die TSG 1899 hat ihre Tradition. Sich dafür permanent rechtfertigen zu müssen, finde ich sehr anstrengend.

ZEIT ONLINE: Viele Vereine arbeiten finanziell am Limit. In Hoffenheim kommt Dietmar Hopp daher, verteilt ein paar Millionen Euro und verhilft seinem alten Kreisligaverein zum Aufstieg in die Bundesliga. Verzerrt Hoffenheim nicht den Wettbewerb?

van Almsick:  Aber so ist es doch im Leben. Die einen haben durch ihre Schaffenskraft mehr Geld als andere. Und wenn man sich anschaut, wie viele TV-Gelder zur Verfügung stehen, da sollte jeder Bundesligist was draus machen können. Die Vereine jammern doch auf einem hohen Niveau. Abgesehen davon ist Dietmar Hopp ein sehr erfolgreicher Unternehmer. Ich finde es toll und vorbildlich, dass er mit seiner Stiftung und seinem Engagement der Region und der Jugend etwas zurückgibt. Er hatte den Traum, die TSG Hoffenheim in die Erste Liga zu bringen, und er hat es geschafft. Herr Hopp kann mit seinem hart erarbeiteten Geld tun und lassen, was er möchte. Er schadet doch niemandem. Es klingt pathetisch: Aber er schafft Arbeitsplätze, er bringt die Region voran. Was ist daran verwerflich? Er könnte das Geld auch in den Ofen schieben oder sich jeden Tag ein neues Auto kaufen.

ZEIT ONLINE: Es wird da schwierig, wo Regeln verletzt werden. Es gibt in Deutschland die 50+1-Regel , die Mäzene ausbremsen soll.

van Almsick: Aber er verletzt die Regel ja nicht.

ZEIT ONLINE:Auf dem Papier vielleicht nicht. Man kann ihm aber vorwerfen, die Regel auszuhöhlen , weil ohne ihn in Hoffenheim eben doch nichts geht. Wenn das jeder Verein so machen würde, hätten wir bald eine Liga der Milliardäre.

van Almsick: Das kann aber nicht jeder Verein machen, weil es gar nicht so viele, ich sage mal Verrückte gibt, die so einen Traum haben wie Herr Hopp. Ich finde das immer traurig, wenn die Menschen so schnell urteilen und sagen: Da kommt so ein reicher Typ, der bastelt sich hier einen Verein und wenn er keinen Bock mehr hat, ist er wieder weg. Das ist ungerecht. Herr Hopp ist einfach mit Leidenschaft dabei und ist gar nicht so ein ausgebuffter Profi oder Experte wie manch andere.

Eine Herzensangelegenheit

ZEIT ONLINE: Er hat in einem Interview mit der ZEIT vor Kurzem mal sinngemäß gesagt, er wisse nicht, ob er sich diese Hoffenheim-Sache noch mal antun würde. Meinen Sie, er leidet?

van Almsick: Herr Hopp ist im Grunde ein sehr zurückhaltender Mensch, der, so wie ich ihn kennengelernt habe, nur gute Absichten hat. Er wollte diesen Verein in die Erste Liga bringen, er wollte schönen Fußball bieten, er wollte dieses Stadion bauen und die Jugend fördern. Er schlägt sich wacker, er feiert Erfolge, er macht sicherlich auch Fehler. Aber es ist ihm stets eine Herzensangelegenheit. Ich glaube, er hat nicht damit gerechnet, dass man so an ihm zerren und ihn auch persönlich angreifen würde. Da gab es in der Vergangenheit ja wirklich Sachen, die waren unter aller Sau.

ZEIT ONLINE: Warum aber lehnt er sich dann nicht einfach zurück und sagt: Ich vertraue Euch, macht mal, ich bin raus.

van Almsick: Vielleicht ist er noch nicht so weit. Er hat bei diesem Verein selbst Fußball gespielt. Jetzt fällt es ihm eben wahnsinnig schwer, loszulassen. Irgendwann wird er das machen, aber solange er nicht das Gefühl hat, dass die richtigen Leute den Verein führen, mischt er sich möglicherweise noch ein.

ZEIT ONLINE: Manche behaupten, Sie seien ein Sprachrohr von Dietmar Hopp. Sie haben damals auch den Trainer Holger Stanislawski kritisiert , der kurze Zeit später gefeuert wurde.

van Almsick: Das ist absoluter Humbug. Ich bin kein Sprachrohr. Wenn mich jemand fragt, ob ich Fußball mag, sag ich ja und sage, mein Lieblingsverein ist Hoffenheim. Wenn man mich nach meiner Meinung fragt, tue ich die kund. Das mit Stanislawski war auch nur meine Meinung. Ich habe gesagt, ich weiß nicht, ob das eine gute Konstellation ist, ohne irgendetwas zu wissen und vor allem ohne ein Sprachrohr zu sein.

ZEIT ONLINE: Wie oft gehen Sie eigentlich ins Stadion?

van Almsick: Wenn ich zu Hause bin zu jedem Heimspiel.

ZEIT ONLINE: Ihr aktueller Lieblingsspieler?

van Almsick: Ich fand Firminho immer super. Aber mein aktueller Lieblingsspieler ist Tim Wiese.

ZEIT ONLINE: Im Ernst?

van Almsick: Ja, über den wird immer viel geschimpft, aber gegen Mainz und Schalke zum Beispiel war er der beste Spieler auf dem Platz. Ich würde ungern mit ihm tauschen wollen, weil er so viele Buden reinbekommen hat. Aber bei der Verteidigung, die wir im Moment haben, liegen die Fehler nicht nur bei ihm.