Marc Arnolds Schreibtisch steht in Umkleidekabine vier. Die Zahl ist draußen groß an die Wand gepinselt, wie man es aus Schulturnhallen kennt. Es wirkt etwas eng und schief und klein: die Wände, denen man jeden einzelnen Ziegelstein ansieht, weil niemand tapeziert hat. Die Fenster, nach denen man lange suchen muss, weil sie kaum größer sind als Schießscharten. Arnold deutet auf eine Tür in der Wand. "Wenn Sie da durch gehen, kommen Sie zur Dusche", sagt er.

Jeder Fußballmanager, der etwas auf sich hält, würde solch einen Arbeitsplatz beleidigt zurückweisen. Marc Arnold hat sich eingerichtet, im Provisorium, dem ehemaligen Versorgungstrakt der Gegentribüne. Der Zweitligist Eintracht Braunschweig baut gerade an einer neuen Haupttribüne und einer neuen Geschäftsstelle. Es wird bald viel Platz geben, für alle. Aber noch müssen sie das Beste aus dem machen, was sie haben. Sie scheinen das besonders gut zu können.

Eintracht Braunschweig geht als Tabellenführer der Zweiten Liga in die Winterpause. Keine Mannschaft gewann häufiger, keine Mannschaft fing weniger Tore. Zwölf Punkte sind es mittlerweile auf den Relegationsplatz. Wenn alles normal läuft, geht der Aufstieg nur über die Braunschweiger. Und das, obwohl sie kaum Geld ausgeben: Vor ein paar Wochen war Hertha BSC zu Gast, und wer den Marktwert der Spieler addierte, fand heraus, dass die Auswechselbank des Zweitliga-Krösus wertvoller war als die Stammelf der Braunschweiger.

"Dass es so laufen würde, konnte man nicht erwarten", sagt Marc Arnold. Am Abend wird die Eintracht gegen Union Berlin spielen, das letzte Spiel vor der Winterpause. Arnold hat das flotte Vereinsjackett mit dem edlen Löwenemblem auf der Brust übergezogen, es ist Montagabend, das Fernsehen überträgt live und wird Arnold fragen, was ihn derzeit alle fragen : Wie macht die Eintracht das?

Arnold, von dessen Spielerkarriere man sich eher an seine Größe (klein) und Frisur (Locken) als an Tore erinnert, redet dann viel von Kontinuität und einem Gespür für den Charakter der Spieler. Braunschweig schafft es, ohne Stars auszukommen. Sogar ohne Spieler, die sich für Stars halten. Die Namen der Leistungsträger: Deniz Dogan, Dennis Kruppke und Domi Kumbela – alle drei sind im bereits fortgeschrittenen Fußballeralter, alle drei waren schon 2008 dabei und alle drei sind bei ihren vorherigen Vereinen nicht durch größere Heldentaten aufgefallen. "Es gibt bei Neuzugängen keinen Fragenkatalog, den wir abarbeiten. Aber wir haben eine Idee, wie wir die Spieler aussuchen", sagt Arnold.

Wir, das sind er und Torsten Lieberknecht, der Trainer mit dem pfälzischen Dialekt. Beide kamen 2008 nach Braunschweig, als der Verein noch in der Regionalliga spielte. Der damalige A-Junioren-Coach Lieberknecht übernahm drei Spiele vor Saisonende und rettete erst im letzten Spiel die Qualifikation für die neue Dritte Liga. Drei Jahre später stiegen sie in die Zweite Liga auf, bald wohl in die Erste. Arnold sagt: "Man darf nie vergessen, wo wir herkommen."

Ein paar Kilometer nördlich, in Braunschweig-Thune, führt Joachim Bäse in seinen Partykeller, der etwa doppelt so groß ist wie das Büro von Marc Arnold. Früher, erzählt der 73-Jährige, hätten sie hier oft gefeiert, mittlerweile klappt das kaum noch, sie sind ja auch nicht mehr die Jüngsten. An den Wänden hängen Wimpel von Juventus Turin , Feyenoord Rotterdam und ein paar aus Südamerika . Daneben das lebensgroße Bild eines Schwarz-Weiß-Fußballers. "Das ist dieser berühmte Libero von Eintracht Braunschweig", sagt Joachim Bäse. Er lacht. Das Bild zeigt: Joachim Bäse.

Breitner, Zebec, der röhrende Jägermeister-Hirsch

Bäse war Kapitän der Braunschweiger Mannschaft, die 1967 Deutscher Meister wurde . Ziemlich überraschend. "Die haben damals gefragt: Wo liegt Braunschweig überhaupt?", sagt Bäse. "In der DDR?" Die FAZ hatte der Eintracht ein Jahr zuvor den Abstieg prophezeit. Und Bäse erinnert sich an Hermann Gösmann, den damaligen DFB-Präsidenten, der ihn bei der Übergabe der Meisterschale mit einem Kollegen verwechselte. "Er sagte: 'Jetzt übergebe ich die Schale an Harry Bähre.' Der spielte aber beim Hamburger SV", erzählt Bäse.

1.200 DM hat Joachim Bäse damals verdient, nebenbei als Koch gearbeitet, später als Lebensmittelkontrolleur. Auf den langen Busfahrten nach Auswärtsspielen hat irgendeiner immer die Klampfe rausgeholt und drauflosgesungen. In der Stadt ging es dann weiter, in Kneipen, die "Zum gemütlichen Conni" hießen, oder "Forsthaus". Vor Kurzem haben die alten Recken wieder ein paar Lieder aufgenommen . "Ein Eintrachtspieler will ich sein, solang' mein Auge sieht, solange noch ein Tropfen Blut in meinen Adern fließt...", schmetterten sie. Oder: "Deutscher Meister, deutscher Meister, in den Farben Gelb und Blau..." Bäse sagt: "Das war ein Spaß."

Noch heute kann jeder Braunschweig-Fan die 67er-Mannschaft aus dem Kopf aufsagen. Wenn er mit der Straßenbahn zum Stadion fährt, hat Bäse keine ruhige Minute. Doch hat diese Popularität seine Nachfolger eher gelähmt. Die Ansprüche sind etwas aus dem Ruder gelaufen und viele Braunschweiger Fußballer-Generationen zerbrachen an ihnen. Das letzte Erstligaspiel der Eintracht gab es 1985. Vor fünf Jahren stand der Klub kurz vor der Insolvenz. "Manchmal war unser Meistertitel eine Last", sagt Bäse, der Ehemalige. "Aus der Vergangenheit kommt ein hohes Anspruchsdenken", sagt Arnold, der Manager.

Da trifft es sich, dass Torsten Lieberknecht, der Trainer, einst eine Diplomarbeit schrieb, die den Titel trug: Der schwierige Spagat zwischen Tradition und Zukunft bei Eintracht Braunschweig . Soll noch einer sagen, Wissenschaft sei zu theoretisch. Lieberknecht und Arnold haben Erfolg, weil sie die Turnübung ganz gut hinbekommen. Die beiden haben sich die Demut vor der Vergangenheit bewahrt, und versuchen, ihre positiven Seiten hervorzukitzeln. Potentiellen Neuzugängen schwärmen sie vom großen Namen des Klubs vor, schließlich hat hier mal Paul Breitner gespielt , Branko Zebec trainiert, es gab die erste Trikotwerbung der Liga , die röhrenden Jägermeister-Hirsche. Und sie erzählen vom verrückten Publikum.

Fast 13.000 Dauerkarten haben die Braunschweiger verkauft, mehr gab es nicht. Gegen Union Berlin kamen an einem Montagabend 21.200 Menschen, mehr durften nicht. Die Zuschauer schrien ihre Mannschaft zum Sieg, das Stadion an der Hamburger Straße geht trotz Laufbahn als eines der lautesten der Liga durch. So spielte die Eintracht gegen die Berliner noch intensiveren Vollgasfußball als sonst. Schnörkellos, direkt, effizient. Heraus kam ein mitreißendes, fast englisch anmutendes Zweitligaspiel , dass die Braunschweiger mit 4:3 gewannen, obwohl sie zwischendurch zweimal zurücklagen. "Ein ganz, ganz, ganz, ganz großes Lob an die Fans", sagte Lieberknecht nach dem Spiel. "Das war heute Gänsehaut-Stimmung von Anfang an."

Joachim Bäse schaut sich jedes Heimspiel an. Er sitzt mit den anderen 67ern zusammen im Stadion, die Karten spendiert der Verein. Wenn er gefragt wird, ob die Mannschaft aufsteigen kann, erzählt er von früher. "Die Viererkette passt hervorragend zueinander", sagt er. "So wie unsere Abwehr damals." Viel wichtiger aber ist ihm, was er einmal abseits des Platzes beobachtet hat, damals bei der Aufstiegsfeier in die Zweite Liga, zu der er auch eingeladen war mit seiner Lebensgefährtin. "Wir haben gesehen, wie gut die Spieler sich verstanden haben. Und nicht nur die Spieler, auch die Spielerfrauen", sagt er. Diese Kameradschaft! Wie damals bei ihnen sei das gewesen. Endlich einmal wieder.