Uli Hoeneß sprang in die Luft und riss die Arme nach oben. Solch außergewöhnlichen Jubel sieht man vom Präsidenten des FC Bayern nach einem Tor zum 6:0 selten. Dieses aber war anders. Zum ersten war es ein überaus elegantes, erzielt mit der Hacke. Zum zweiten hatte Claudio Pizarro getroffen. Der Peruaner gilt als Hoeneß' Idee, er soll den Transfer gegen Widerstand im Vorstand durchgesetzt haben.

Die Skepsis hat mit Pizarros Alter zu tun, er ist im Oktober 34 Jahre geworden, ihn hatten viele schon abgeschrieben. Zudem weiß man aus seiner ersten Zeit in München, dass er die Räume im P1 mindestens genauso eng machen kann wie die auf dem Platz. Hoeneß waren Alter und Lebensstil unwichtig.

Die Entscheidung, Pizarro nach München zurückzuholen, mag auf den ersten Blick für den Erfolg der Bayern in dieser Saison unbedeutend wirken. Er kommt selten zum Einsatz, ist Stürmer Nummer drei, in den Kampf um den Spitzenplatz zwischen Mario Mandzukic und Mario Gomez kann er kaum eingreifen. Doch der Pizarro-Kauf ist der Beleg, dass aus 2012 die richtige Lehre gezogen wurde.

Gut fürs Toreschießen – und die Sozialhygiene

Im Vorjahr wurde Bayern München drei Mal Zweiter, für Titel war die Ersatzbank zu schwach. Im Champions-League-Finale saßen der angeschlagene Ivica Olic und der brave Nils Petersen auf der Bank. In der neuen Saison sollte Pizarro die Konkurrenz erhöhen, er sollte Gomez Beine machen. Und Pizarro sollte Tore schießen, so wie am Samstag gegen den HSV. Gleich vier Stück gelangen ihm: mit rechts, mit links, alle vier mit dem ersten Kontakt. Es waren seine Bundesliga-Tore Nummer 161 bis 164, seit mehr als zwei Jahren ist er der erfolgreichste Ausländer in der fünfzigjährigen Geschichte.

Zwei weitere Treffer legte er auf. Vor dem 4:0 hebelte er durch einen Doppelpass, ebenfalls per Hacke, mit Arjen Robben die Hamburger Abwehr aus. Das 7:0 hätte Pizarro selbst erledigen können, doch er wählte das Zuspiel auf Robben. Noch eine Aufgabe, die Pizarro beherrscht: Sozialhygiene. Wenn die Diva aus Holland trifft, stabilisiert das den Teamgeist der Bayern.

Manche Ersatzstürmer werden zu Egoisten, wenn sie endlich zum Einsatz kommen. Nicht so Pizarro. Gerne zeigte er sich in der eigenen Hälfte, spielte fast immer direkt weiter und harmonierte mit seinen Nebenleuten, vor allem Robben, als wäre das eine Allwöchentlichkeit. In einer Szene in der zweiten Halbzeit ließ Pizarro am rechten Flügel im Mittelfeld zwei Gegner ins Leere laufen und leitete den Angriff ein. Deutlich war ein Lachen auf seinem Gesicht zu sehen, nicht das einzige Mal.