Andreas Lambertz prallt bei einem Kopfballduell mit Radoslav Zabavnik zusammen. Zabavnik bleibt bewusstlos liegen. Als er wieder bei Sinnen ist, kann er sich an nichts erinnern und muss ausgewechselt werden. Lambertz schüttelt sich, steht auf, befühlt die Platzwunde an seinem Kopf und trabt an die Seitenlinie, um sich einen Verband anlegen zu lassen. "Muss man ja, sonst darf man nicht weiterspielen", sagt der Düsseldorfer nach der Partie.

Wer die Geschichte von Andreas Lambertz, den alle nur Lumpi nennen, verstehen will, muss sich diese Szene aus der 38. Minute des Sonntagabendspiels gegen Mainz ansehen. Womöglich birgt sie sein Geheimnis. Diese Mischung aus Härte und Arglosigkeit. Nehmen, was kommt. Nur keinen Schädel machen, wie er mal sagte. So hat es Lambertz nicht nur zum Kapitän eines Bundesliga-Teams geschafft, sondern auch Liga-Geschichte geschrieben. Falls sich US-Regisseure je wirklich für Soccer interessieren, Lambertz' Geschichte böte genug Stoff für einen Hollywood-Streifen. Einen sehr kitschigen.

Lambertz ist das einzige Maskottchen der Liga, das auch nach Anpfiff auf dem Feld bleiben darf. Seit fast zehn Jahren trägt er das Trikot der Fortuna. Sein erstes Spiel machte er als 18-Jähriger gegen Adler Osterfeld in der Oberliga Nordrhein, der damals vierthöchsten Spielklasse. Seither ist Lambertz mit seinem Verein dreimal aufgestiegen – und hat seinen Stammplatz nie wirklich verloren. Das gab es in der Bundesliga-Historie noch nie.

Viele Vereine steigen öfter mal auf, auch in Serie. Aber meist tauschen die Klubs dann auch ihre Spieler aus, weil man davon ausgehen kann, dass ein durchschnittlicher Oberliga-Kicker in der Bundesliga nicht viel mehr als die Hacken von Ribéry, Götze und den anderen sieht. Lambertz ist geblieben und hat es all jenen gezeigt, die gesagt haben, dass es für Lumpi in der neuen Liga diesmal wirklich eng werden würde. Der 28-Jährige hat Hunderte Spieler kommen und gehen sehen, allein vor dieser Saison holte die Fortuna 16 neue Kollegen. Er spielt trotzdem.

Lumpis Spiel ist nicht schön, aber selten. Mit seinen zu kurzen Beinen und zu langen Armen schaukelt Lambertz über den Platz wie ein Matrose auf Landgang. Wer ihn laufen sieht, denkt, einer dieser Fans, die zur Halbzeit immer zu irgendwelchen Gewinnspielen aufs Feld gebeten werden, sei etwas zu früh dran. Dabei, und das könnte ein Grund seines Erfolgs sein, steht Lambertz nie still. Er ist immer in Bewegung, ein Kilometerfresser. Gegen Mainz lief er mehr als alle anderen 21 Spieler. So steht er oft intuitiv am rechten Fleck. Zudem ist er auf den ersten Metern ziemlich flink und wirft sich mit einer Wurstigkeit in die Zweikämpfe, die technisch beschlagenere Bundesligaprofis irritiert.

Auf Aufnahmen von damals sieht das alles genauso aus. Lambertz erwischte die Fortuna 2003 in deren größter Krise. Der Verein, immerhin 22 Jahre Bundesligist, zweifacher Pokalsieger und 1979 Europapokal-Finalist gegen den FC Barcelona, hatte sich bis in die Vierte Liga heruntergewirtschaftet. Auch finanziell sah es düster aus. Die Toten Hosen mussten als Trikotsponsor einspringen, sie leiteten die eine Million Mark, die ihnen eine Altbierbrauerei für ihre Tour zahlte, direkt an den Verein weiter. Für die Hemden mit dem Totenkopf-Logo der Band werden auf eBay heute noch Höchstpreise gezahlt.

2004 stieg Lambertz mit Düsseldorf das erste Mal auf. Es reichte ein Nullnull gegen die Amateure von Bayer Leverkusen im kleinen Paul-Janes-Stadion, direkt neben der städtischen Müllverbrennungsanlage. Fünf drittklassige Jahre später folgte der nächste Aufstieg. Zum entscheidenden Spiel gegen die Amateure von Werder Bremen kamen 50.100 Menschen in die neue Arena am Rhein, Drittligarekord. Auf den anschließenden Platzsturm angesprochen, schießen Düsseldorfer Fans noch heute Tränen in die Augen.

Im vergangenen Jahr dann schließlich der letzte Aufstieg. Einer, von dem Lambertz heute sagt, er habe keinen Spaß gemacht, obwohl er doch der größte Erfolg der jüngeren Vereinsgeschichte war. Es geht um das Relegationsspiel gegen die Berliner Hertha, bei dem die Düsseldorfer Fans zu früh auf den Rasen liefen und den Elfmeterpunkt mitnahmen. Erst sechs Wochen später ließen die DFB-Richter Düsseldorf wirklich aufsteigen. "Das war, als ob einem einen Monat später zum Geburtstag gratuliert wird", sagte Lambertz.