Herr Ertürks Kampf gegen die Uefa – Seite 1

Fußball - Ibrahim Ertürk über den Fußball-Manipulationsskandal in der Türkei Die türkische Fußballmannschaft Fenerbahce Istanbul errang 2011 den Meistertitel in der Türkei – dank manipulierter Spiele. Bis heute gab es keine Sanktionen gegen den Club.

Die Konkurrenz ist groß für Ibrahim Ertürk und seine Freunde. Rund um die Berliner Gedächtniskirche sind die Straßenkünstler herausgekommen. Karikaturisten veralbern Pärchen auf Papier, nebendran tanzen ein paar Breakdancer für den Hut. Es ist der erste schöne Sonntag des Jahres. Ertürk kann keine Kunststückchen, er verteilt Flugblätter. Es läuft etwas zäh. Egal. "Es ist vor allem wichtig, dass diese Kundgebung stattfindet", sagt er.

Auf den ersten Blick ist Ibrahim Ertürk kein typischer Kandidat für eine Kundgebung. Er ist 52 Jahre alt, verheiratet, hat drei Kinder, kam 1979 aus der Türkei nach Deutschland, studierte in Mannheim Betriebswirtschaftslehre und betreibt nun in Sinsheim einen Büroservice. Die grau werdenden Haare und der Akzent, der sein Deutsch aufweicht, geben ihm etwas Freundliches. Doch Ertürk treibt etwas um.

Etwas, das ihn seit mehreren Jahren keine Ruhe lässt. Etwas, für das er sich in sein Auto gesetzt hat und 613 Kilometer nach Berlin gefahren ist, genauso wie er mit der Turkish Fair Play Platform schon nach Paris, Frankfurt, Amsterdam, Wien, Istanbul, Zürich und Nyon fuhr, den Sitzen der internationalen Fußballverbände Fifa und Uefa. 10.000 Euro habe er nur für Fahrten und Unterkünfte bezahlt, schätzt Ertürk, von der Zeit ganz zu schweigen. Aber er muss das machen, es geht um Fußball, seine Heimat, um Gerechtigkeit.

Für die Justiz war alles klar, für den Sport nicht

In der Spielzeit 2010/11 hatte sich Fenerbahce Istanbul den türkischen Meistertitel erkauft. Der Verein, der reichste des Landes, hatte 16 von 17 Rückrundenspielen gewonnen. Sieben dieser Partien wurden verschoben, darunter auch das entscheidende 4:3 am letzten Spieltag gegen Sivasspor. In sechs weiteren Fällen wurden den Gegnern von Fenerbahces ärgsten Rivalen extra hohe Siegprämien versprochen. Doch der Betrug flog auf.

93 Offizielle, Spieler und Agenten landeten vor Gericht. Mehmet Ekincis, einer der renommiertesten Richter des Landes, verhängte Freiheitsstrafen von insgesamt 42 Jahren wegen Spielmanipulation, Bestechung, Wettbewerbsverzerrung, Bildung und Leitung einer kriminellen Vereinigung. Am härtesten traf es den Präsidenten von Fenerbahce Istanbul. Aziz Yıldırım wurde zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und drei Monaten verurteilt. Für die Justiz war der Fall klar. Für den Sport nicht.

Der türkische Fußballverband (TFF) unternahm so gut wie nichts. Er sperrte ein paar Spieler und Fenerbahce-Mitarbeiter. Den strafrechtlich verurteilten Präsidenten Yıldırım sprach der Verband frei. Auch der Verein kam davon. Fenerbahce durfte sowohl seinen Meistertitel behalten, als auch die umgerechnet etwa 30 Millionen Euro, die ein Meister einstreicht. Es gab keinen Zwangsabstieg, keinen Punktabzug, nicht einmal eine Geldstrafe. Derzeit steht Fenerbahce im Viertelfinale der Europa League. Auf dem Präsidentensitz noch immer: Aziz Yıldırım, als Kopf einer kriminellen Vereinigung verurteilt, nur auf freiem Fuß, weil er gegen das Gerichtsurteil Berufung einlegte.

Dass kein einziges der 13 manipulierten Spiele aus den Ergebnislisten gestrichen wurde, ist völlig unverständlich. "Der Umgang der TFF mit diesem Fall kann in einem Satz zusammengefasst werden: Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen", heißt es dazu in einem Beitrag des International Sports Law Journal. Die Argumente der TFF, die Klubs werden nicht betraft, weil man die Bestechung auf dem Feld nicht habe sehen können und weil Klubs zudem für die Taten ihres Vorstands oder Präsidenten nicht verantwortlich gemacht werden können, seien schlicht absurd.

Für Ertürk ist die Sache klar. "Die werden nur deswegen nicht bestraft, weil Erdoğan Präsident ist", sagt er. Recep Tayyip Erdoğan, Ministerpräsident der Türkei, ist oberster Fenerbahce-Fan. Der Verein gilt als Staat im Staate, als Klub der Militärs. Sein Präsident Yıldırım ist einer der mächtigsten Männer des Landes, der Unternehmer machte sein Vermögen mit Regierungsaufträgen für das Militär.

Spielt die Uefa auf Zeit?

In Berlin versucht Ertürk das alles den Passanten zu erklären. Nicht einfach. In der Türkei wird seit einem Jahr jeden Samstagmittag in mehreren Städten protestiert. Es bilden sich Initiativen, ein rührendes YouTube-Video wurde gedreht. Zur Fifa-Demo nach Zürich flog ein Charterflieger, 165 Mann, morgens hin, abends zurück. Hierzulande ist der Fall nahezu unbekannt. Auch am Kurfürstendamm ist Fußball ziemlich weit weg, die Türkei noch weiter.

Die meisten Passanten eilen vorbei, mit den Einkaufstüten der umliegenden Boutiquen in der Hand. Einige treten aus Versehen auf die großen Transparente, die die Demonstranten auf den Boden gelegt haben, weil sie nur zu acht sind, nicht genug Leute, um alle Banner hochzuhalten. Auf ihnen steht: "Der weltweit größte Manipulationsskandal in der Fußball-Geschichte wurde aufgedeckt in ISTANBUL und wird nun in der SCHWEIZ vertuscht" Oder: "Herr Platini (UEFA), Herr Blatter (FIFA), Wir haben keine Geduld mehr!!! Worauf warten Sie noch?"

Tatsächlich verwundert die Untätigkeit des Europäischen Fußballverband (Uefa). Er schloss Fenerbahce zwar für die Saison 2011/12 von der Champions League aus, doch das war es auch. Weder der Verein noch der TFF bekamen weiteren Ärger. Auf Anfrage teilt die Uefa mit, dass gerade an einem abschließenden Bericht zu dem Fall gearbeitet werde, der dann der Disziplinarkommission vorgelegt werde. Zugleich verweist der Verband auf die aktuellste Pressemitteilung – aus dem Juni 2012.

Für die Uefa und ihren Präsidenten Michel Platini ist die Sache durchaus delikat. Zum einen weil man die Sündenböcke für die Spielmanipulationen, jüngst ja ein großes Thema, so schön in Ostasien ausgemacht hatte. Ein Skandal aus dem Inneren des Fußballs selbst passt da gar nicht ins Bild. Zum anderen hat man mit der Türkei in den kommenden Jahren viel vor.

Neuer türkischer Uefa-Sponsor

In Istanbul, so heißt es, würde Platini am liebsten die Halbfinals und das Finale seiner ersten europaweiten EM 2020 austragen lassen. Ein Wettskandal dieser Größe stört da nur. Zudem freute sich der Verband im Herbst über einen neuen Champions-League-Sponsor. Eine türkische Bank soll dafür etwa 30 Millionen Euro zahlen. Ein Mitbesitzer der Bank war in der Manipulations-Saison Vorstandsmitglied von Fenerbahce. Zudem wird in der Türkei über weitere Millionenzahlungen an die Uefa gemunkelt.

"Die Uefa hat doch die Aufgabe den europäischen Fußball zu schützen. Dass sie wegschaut, macht mich traurig", sagt Ertürk. Der Verband muss sich auch vorwerfen lassen, zuzusehen, wie die türkische Politik Einfluss auf den Sport nimmt. So wurden während des Verfahrens sowohl das Strafrecht als auch die Gesetze der Sportgerichtsbarkeit geändert. Jeweils zu Gunsten der Angeklagten.

Bei einem Uefa-Kongress im März 2012 in Istanbul sprach Recep Tayyip Erdoğan persönlich über diesen Fall. Er sagte, man solle Personen bestrafen, nicht Klubs, weil es sonst auch Millionen unschuldiger Fans treffen würde. Es war der gleiche Kongress, bei dem Michel Platini eine Rede hielt, in der er Spielmanipulation als Geißel des Fußballs bezeichnete. "Lasst uns das Spiel schützen, lasst uns den Fußball säubern", sagte er damals.

Ertürk und Trabzonspor, der damalige Konkurrent von Fenerbahce wollen weiterkämpfen. Der Verein hat sogar Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte erhoben, die aber abgewiesen wurde. Ertürk ist Fan von Trabzonspor, das gibt er zu. Allein deswegen protestiere er aber nicht. Ihm gehe es nicht um Titel oder Geld, sagt er, sondern um Gerechtigkeit: "Ich werde bis zum Schluss kämpfen, auch wenn ich alleine bin. Wenn nichts passiert, setze ich mich vor die Uefa und trete in den Hungerstreik."