In Berlin versucht Ertürk das alles den Passanten zu erklären. Nicht einfach. In der Türkei wird seit einem Jahr jeden Samstagmittag in mehreren Städten protestiert. Es bilden sich Initiativen, ein rührendes YouTube-Video wurde gedreht. Zur Fifa-Demo nach Zürich flog ein Charterflieger, 165 Mann, morgens hin, abends zurück. Hierzulande ist der Fall nahezu unbekannt. Auch am Kurfürstendamm ist Fußball ziemlich weit weg, die Türkei noch weiter.

Die meisten Passanten eilen vorbei, mit den Einkaufstüten der umliegenden Boutiquen in der Hand. Einige treten aus Versehen auf die großen Transparente, die die Demonstranten auf den Boden gelegt haben, weil sie nur zu acht sind, nicht genug Leute, um alle Banner hochzuhalten. Auf ihnen steht: "Der weltweit größte Manipulationsskandal in der Fußball-Geschichte wurde aufgedeckt in ISTANBUL und wird nun in der SCHWEIZ vertuscht" Oder: "Herr Platini (UEFA), Herr Blatter (FIFA), Wir haben keine Geduld mehr!!! Worauf warten Sie noch?"

Tatsächlich verwundert die Untätigkeit des Europäischen Fußballverband (Uefa). Er schloss Fenerbahce zwar für die Saison 2011/12 von der Champions League aus, doch das war es auch. Weder der Verein noch der TFF bekamen weiteren Ärger. Auf Anfrage teilt die Uefa mit, dass gerade an einem abschließenden Bericht zu dem Fall gearbeitet werde, der dann der Disziplinarkommission vorgelegt werde. Zugleich verweist der Verband auf die aktuellste Pressemitteilung – aus dem Juni 2012.

Für die Uefa und ihren Präsidenten Michel Platini ist die Sache durchaus delikat. Zum einen weil man die Sündenböcke für die Spielmanipulationen, jüngst ja ein großes Thema, so schön in Ostasien ausgemacht hatte. Ein Skandal aus dem Inneren des Fußballs selbst passt da gar nicht ins Bild. Zum anderen hat man mit der Türkei in den kommenden Jahren viel vor.

Neuer türkischer Uefa-Sponsor

In Istanbul, so heißt es, würde Platini am liebsten die Halbfinals und das Finale seiner ersten europaweiten EM 2020 austragen lassen. Ein Wettskandal dieser Größe stört da nur. Zudem freute sich der Verband im Herbst über einen neuen Champions-League-Sponsor. Eine türkische Bank soll dafür etwa 30 Millionen Euro zahlen. Ein Mitbesitzer der Bank war in der Manipulations-Saison Vorstandsmitglied von Fenerbahce. Zudem wird in der Türkei über weitere Millionenzahlungen an die Uefa gemunkelt.

"Die Uefa hat doch die Aufgabe den europäischen Fußball zu schützen. Dass sie wegschaut, macht mich traurig", sagt Ertürk. Der Verband muss sich auch vorwerfen lassen, zuzusehen, wie die türkische Politik Einfluss auf den Sport nimmt. So wurden während des Verfahrens sowohl das Strafrecht als auch die Gesetze der Sportgerichtsbarkeit geändert. Jeweils zu Gunsten der Angeklagten.

Bei einem Uefa-Kongress im März 2012 in Istanbul sprach Recep Tayyip Erdoğan persönlich über diesen Fall. Er sagte, man solle Personen bestrafen, nicht Klubs, weil es sonst auch Millionen unschuldiger Fans treffen würde. Es war der gleiche Kongress, bei dem Michel Platini eine Rede hielt, in der er Spielmanipulation als Geißel des Fußballs bezeichnete. "Lasst uns das Spiel schützen, lasst uns den Fußball säubern", sagte er damals.

Ertürk und Trabzonspor, der damalige Konkurrent von Fenerbahce wollen weiterkämpfen. Der Verein hat sogar Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte erhoben, die aber abgewiesen wurde. Ertürk ist Fan von Trabzonspor, das gibt er zu. Allein deswegen protestiere er aber nicht. Ihm gehe es nicht um Titel oder Geld, sagt er, sondern um Gerechtigkeit: "Ich werde bis zum Schluss kämpfen, auch wenn ich alleine bin. Wenn nichts passiert, setze ich mich vor die Uefa und trete in den Hungerstreik."