Eupen? Auf der Landkarte findet man das belgische Städtchen 18.000 Einwohner zwischen Aachen und Lüttich in den sanften Hügeln der Ardennen gleich hinter der deutsch-belgischen Grenze. Auf der Landkarte des internationalen Fußballs liegt Eupen an einer bemerkenswerten Schnittstelle: der zwischen Dakar und Chelsea.

Zumindest gilt dies für Ibrahima Diedhiou aus Tambacounda im Senegal. Seit 2012 spielt der Achtzehnjährige im Abwehrzentrum der AS Eupen. Seine erste Saison wird in wenigen Wochen vorbei sein. Irgendwann hofft der schlaksige Verteidiger der senegalesischen Juniorennationalmannschaft, für die Blues aus West-London aufzulaufen.

Dass sich afrikanische Talente in den Profiligen Belgiens ins Rampenlicht spielen wollen, ist noch nichts Besonderes. Das übersichtliche Niveau und die großzügige Ausländerregelungen machen diese seit Jahren zum Showroom des internationalen Fußballs. Bemerkenswert ist, wie Ibrahima Diedhiou hier gelandet ist.

Um das zu rekonstruieren, muss man die Geografie seiner Karriere um eine Station erweitern: Doha. Die Hauptstadt des Emirats Katar ist der Sitz der Aspire Zone Foundation. Diese hat sich in einem globalen Exzellenzprogramm unter den Auspizien des Emirs zum Ziel gesetzt, "Sport-Champions zu entwickeln und einen gesunden Lebensstil zu fördern".

Angesichts der Dimensionen des Projekts ist dies ein ziemliches Understatement: Alleine in Afrika screenen 1.500 Trainer und Scouts den Nachwuchs, um jedes Jahr die besten 20 unter 600.000 Jungkickern zu finden. Diese werden vier Jahre lang an der Aspire Academy in Dakar ausgebildet, bevor sie auf dem ultramodernen Trainingskomplex in Doha das Fein-Tuning bekommen.

Was den Hochtalentierten dann noch fehlt, ist Spielpraxis. Genau die sollen sie sich in Eupen holen. 2012 schlossen die Aspire Zone Foundation und der finanziell schwer angeschlagene Zweitligist einen zehnjährigen Kontrakt. Ibrahim Diedhiou gehört zum Pionier-Jahrgang, zusammen mit vierzehn Eupener Teamkollegen, die meisten von ihnen stammen aus Senegal, Nigeria und Südafrika.

"Verrückt", nennt Christoph Henkel das Projekt, das man mit einem Begriff aus dem US-Sport als farm team bezeichnet. Er meint das positiv. Der frühere Leiter des Jugendleistungszentrums des 1.FC Köln ist als Geschäftsführer eine zentrale Figur der belgischen Außenstelle des Emirats. Ihn beeindrucken nicht nur Dimension und Qualität der Spieler, sondern auch die Sprachmischung aus Englisch und Französisch, Deutsch und Flämisch im Kader, und dem Spanisch des Trainerstabs. Zugleich ist das provinzielle Eupen Hauptstadt der deutschsprachigen Kantone Ostbelgiens, in der jeder zumindest bilingual ist und sich der Klubname wahlweise "Alliance Sportive" liest oder "Allgemeine Sportvereinigung".

Was das Konzept besonders macht, sagt Henkel, sei der "sehr frühe Zeitpunkt", zu dem die Auswahl von Aspire beginnt. Mit dreizehn Jahren ziehen die Talente in die Akademie in Dakar, wo nicht nur ihre Qualität als Fußballer gefördert wird. Sie sollen auch einen Schulabschluss ablegen und ihre Persönlichkeit entwickeln.

Seriosität ist gefragt statt des schnellen Reibachs, wie beim Geschäft mit afrikanischen Fußballern oft üblich. Vor zehn Jahren war der Betreiber einer Fußballschule in Abidjan reich geworden, als er ivorische Talente über den Umweg des belgischen Erstligaklubs SK Beveren zu Arsenal transferierte. Nach dem Ende der Kooperation ging Beveren in Konkurs.

Deutsche Scouts sind Stammgäste

Über die Summe, die vom Golf in die Ardennen fließt, wird in Eupen geschwiegen. Deutliche Worte findet Christoph Henkel indes, wenn man ihn auf das Gerücht anspricht, der Emir züchte sich in Belgien eine Nationalmannschaft. Katar zählt nicht einmal zwei Millionen Einwohner, von denen ein Großteil Ausländer sind; ohne Einbürgerungen wird es schwer mit einer konkurrenzfähigen Mannschaft für die WM 2022. "Ziel ist, dass unsere Spieler es in ihren Herkunftsländern ins Nationalteam schaffen", sagt Henkel. Aspire sei auf die Zustimmung der beteiligten afrikanischen Verbände angewiesen, die an einem Braindrain nicht interessiert seien. Hintergrund der Spekulation war eine Änderung der Fifa-Statuten im Jahr 2009, wonach auch Jugendauswahlspieler eines Verbands im Seniorenalter für einen anderen antreten können.

Was sonst motiviert die Katarer zu diesem enormen Aufwand? Eupen ist Teil einer großen Offensive, die katarischen Engagements beim FC Barcelona und Paris St. Germain sowie die Wüsten-WM sind eine gigantische Werbekampagne für ein Land, das sich für eine Zukunft nach dem Öl rüstet. Das weckt Skepsis, nicht nur bei Traditionalisten.

Andreas Bleicher, der deutsche Sportdirektor der Aspire Zone Foundation hingegen sagt, man wolle Tausenden jungen Kickern in Entwicklungsländern, "die Chance geben, ihren Traum von einer internationalen Fußballkarriere zu verwirklichen". Langfristig solle die Aspire Academy damit als "weltweit führendes Sportinstitut im Bereich Sichtung, Auswahl, Erziehung und Entwicklung von Champions" etabliert werden.

Vor der Saison nannte Bleicher die AS Eupen "einen Baustein im Mosaik". Wer sich vor Augen führt, dass zuletzt Bayern München und der FC Schalke ihr Winter-Trainingscamp in der Aspire Academy abhielten, begreift, wie viel Form dieses Mosaik inzwischen angenommen hat. Manch ein Fan in Eupen, der im Sommer vor allem die Rettung vor dem Ruin bejubelte, träumt nun von einem Freundschaftsspiel gegen die Bayern.

Die kurzfristige Bilanz jedenfalls fällt in diesem Frühjahr positiv aus. Scouts der Bundesliga sind in Eupen Stammgäste. Bartholomé Màrquez López, der Coach, der einst für Espanyol Barcelona spielte, ist mit dem Platz im Mittelfeld der Tabelle sehr zufrieden. Gleiches gilt dafür, wie er aus "all den jungen Spielern aus verschiedenen Kulturen" ein Team formte. "Immerhin hatten sie vorher nur Turniere gespielt." An das Leben im beschaulichen Eupen kann er sich nur schwer gewöhnen, ganz zu schweigen vom Winter. "Trainieren war schwierig, es gab viel Schnee, eine Katastrophe." Márquez López grinst, als er zugibt, afrikanische Spieler könnten sich dem Ardennenwinter eher anpassen als ein spanischer Coach.

Bestätigt wird er von Ibrahima Diedhiou. Der Verteidiger möchte am liebsten mit seinen Teamkollegen und früheren Klassenkameraden bei den Profis Fuß fassen. "Wir sind seit 2007 zusammen und wir werden hier als Fußballspieler erwachsen." Um Chelsea nicht aus den Augen zu verlieren, ist der Aufstieg mit Eupen in die Erste Liga das Nahziel. "Insh'allah", wenn Gott will, sagt Ibrahima Diedhiou, "schaffen wir es nächstes Jahr."