Das sportliche Überbleibsel des Kommunismus

"Licht ging aus, Dynamo lief weiter", titelte die Ostberliner Tageszeitung Junge Welt 1983 nach der Europacuppartie zwischen dem BFC Dynamo und Partizan Belgrad. In der Halbzeit war das Flutlicht ausgefallen, der DDR-Meister hatte das Heimspiel trotzdem noch gewonnen. 1989 fehlte dagegen nicht viel und bei dem als Stasiklub verschrienen DDR-Rekordmeister wären die Lichter fast völlig ausgegangen.

Doch den BFC Dynamo gibt es noch immer und so trägt der Verein, mittlerweile als Hooligan-Klub verschrien, zu einem Rekord bei. "Dynamo" beziehungsweise "Dinamo" ist der häufigste Fußballvereinsname der Welt. Das behauptet zumindest das Buch "Unnützes Fußball-Wissen" und ein kurzer Abstecher in die Welt des Dynamo-Fußballs legt den Verdacht nahe, dass das sogar stimmen könnte. So viele Dynamos gibt es in der weiten Fußballwelt, dass all die "Fortunas", "Reals" oder "Uniteds" einpacken können.

Dass so viele Sport- und speziell Fußballklubs Dynamo hießen, hat natürlich politisch-historische Gründe. In den Staaten des ehemaligen Ostblocks war der Name weit verbreitet und viele Vereine behielten ihn auch nach dem Zusammenbruch des realsozialistischen Systems. Die Mutter aller Dynamos war die "Moskauer Proletarische Sportvereinigung Dynamo", die am 18. April 1923 durch Angehörige der sowjetischen Geheimpolizei und einfache Arbeiter gegründet wurde.

"Wachstum der proletarischen sozialistischen Kultur"

Die ideologische Verknüpfung zwischen Dynamo-Wort und Dynamo-Sport beschrieb der sowjetische Dichter Maxim Gorki pathetisch so: "Ich möchte den Dynamo-Sportlern in Erinnerung rufen, dass das griechische Wort 'Dina' Kraft bedeutet, 'Dynamik' Bewegung und 'Dynamit' Sprengstoff. 'Dynamo' - das ist die Kraft in der Bewegung, welche dazu berufen ist, das Alte, Verfaulte, all das, was das Wachstum des Neuen, Vernünftigen, Reinen und Hellen, das Wachstum der proletarischen sozialistischen Kultur erschwert, zu sprengen und in Schutt und Asche zu verwandeln." Eine Maxime, die auch den Gründern von Dynamo Kiew 1927 mit auf den Weg gegeben wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg importierten die neuen Satellitenstaaten der UdSSR – mehr oder weniger auf Geheiß der sowjetischen Besatzungsmacht – den Vereinsnamen. In der DDR wurde die Sportvereinigung Dynamo für die Angehörigen des Ministeriums für Staatssicherheit und Deutschen Volkspolizei im März 1953 gegründet. Im Gründungsaufruf versprachen die Mitglieder, ihren sowjetischen Vorbildern nachzueifern, "die unter dem stolzen Namen Dynamo große Erfolge auf dem Gebiete des Sports und im Kampf um die Erhaltung des Weltfriedens zu verzeichnen haben".

Doch es ging auch ohne kommunistische Phrasen und Kalter-Krieg-Rhetorik. Ausgerechnet in den USA liefen in den achtziger Jahren zwei Profifußballteams mit dem Dynamo-Emblem auf. Beide im konservativen Texas, genauer in Houston. Ein Team nahm 1984 an der United Soccer League teil und eins 1987 in der Lone Star Soccer Alliance. Dass die Houstoner Dynamos die Assoziationen zum damaligen Erzfeind Sowjetunion wenig scherten, rührte vielleicht aus der Nichtkenntnis der Dynamo-Historie und der Nichtrelevanz von Soccer in den USA.

Zumindest letzteres hat sich inzwischen geändert, weshalb es vor sieben Jahren tatsächlich große Aufregung in Houston gab, als zum dritten Mal ein Dynamo-Klub, diesmal für die noch heute existente League Soccer (MLS), entstand. Ein Entertainment-Konzern hatte 2005 eine Mannschaft in Kalifornien gekauft, um sie mit neuem Namen nach Texas zu verpflanzen. Aus den San José Earthquakes wurden nach einer Internet-Abstimmung Houston 1836, angelehnt an europäische Vorbilder wie Schalke 04 oder Hannover 96. In Ermangelung einer Vereinstradition stand 1836 für das Gründungsjahr der Stadt Houston. Weil es allerdings auch das Jahr war, in dem Texas seine Unabhängigkeit von Mexiko erklärte, sorgte die Titulierung für großes Missfallen in der mexikanischstämmigen Bevölkerung. Der Protest der Hispanics reichte bis zu Boykottdrohungen gegen den neuen Verein.

Dynamo Windrad Kassel

Prompt erinnerten sich die aufschreckten Eigentümer der Houstoner Fußballvergangenheit. Sie verwiesen darauf, dass es im europäischen Fußball ruhmreiche Dynamomannschaften (Moskau, Kiew) gibt und auch "mindestens zwei Teams in Deutschland mit diesem Spitznamen", in Berlin und Dresden. Mit einer Feierstunde im Naturkundemuseum von Houston wurde der neue, alte Vereinsname 2006 offiziell enthüllt. "Dynamo ist die perfekte Beschreibung für jemanden, der nie aufgibt", sagte der damalige Vereinspräsident Oliver Luck und lobte den Namen als Symbol für die Stadt, die Energie, den Fleiß und die Risikobereitschaft ihrer Bewohner.

Nicht alle Fußballfans zeigten sich mit dieser Art Symbolik einverstanden. Die Reaktionen auf die Umbenennung reichten von "originell" bis "schrecklich" und "Political Correctness-Debakel". Ungeteilte Zustimmung fand nur, dass der Name "einzigartig" sei, wie der Houston Chronicle anmerkte. Die Wut der Unzufriedenen ("Beleidigung der texanischen Geschichte") entzündete sich auch daran, dass der Namenswechsel just 170 Jahre nach der verlorenen Schlacht von Alamo, bei der das texanische Fort in die Hände der mexikanischen Armee fiel, bekannt gegeben wurde.

Doch nicht nur in den USA sorgte Dynamo für Unmut. In den Achtzigern versuchten Funktionäre in der Bundesrepublik, eine hessische Dynamo-Mannschaft mit allen Mitteln vom offiziellen Fußballbetrieb auszuschließen. 1982 hatten einige Freizeitkicker in Kassel Dynamo Windrad gegründet und die Aufnahme in den Hessischen Fußballverband beantragt. Die Lokalfürsten lehnten das ab, mit explizitem Verweis auf den Namen Dynamo, "der zu sehr den Gepflogenheiten der Vereine in der DDR beziehungsweise in den Ostblockstaaten ähnelt", wie der Hessische Fußballverbandschef Helmut Walter im April 1983 den alternativen Fußballfreunden beschied.

Getilgte Klubnamen

Wenn schon nicht in Hessen erwünscht, dann vielleicht drüben, dachten sich die Kasseler Dynamos und stellten 1987 beim Deutschen Turn-und-Sportbund der DDR (DTSB) einen Aufnahmeantrag. "Unsere Idee war, vielleicht könnten wir im Kleinen Grenzverkehr nach Thüringen reisen und dort in einer Liga mitspielen", erinnert sich Windrad-Mitbegründer Norbert Schumann. "Der DTSB hat das abgelehnt, aber immerhin bekamen wir 1988 eine Einladung zu einer dreitägigen Reise in die DDR. Wir haben dann in Waren an der Müritz gegen die BSG Verkehrsbetriebe Waren gespielt. Zwar 2:1 verloren, aber immerhin vor 3.000 Zuschauern. Bestimmt 600 davon waren wohl Sicherheitsleute." Wenn man so will, Dynamo-Fans von Berufswegen.

Die West-Dynamos aus Kassel reisten sogar zu Freundschaftsspielen nach Kuba und in die Sowjetunion. Der absurde, ganz vom Geist des Kalten Krieges geprägte Rechtsstreit hatte sich weit herum gesprochen. Der nicht weniger weite Weg durch die juristischen Instanzen endete 1989 mit einer Rücknahme der Klage vor dem Bundesverfassungsgericht.

Doch der Mauerfall ließ auch die Argumentationslinie der hessischen Fußballfunktionäre zusammenbrechen. "Als Dynamo Dresden sogar in die Bundesliga drängte, konnte der Hessische Verband nicht mehr anders und nahm uns auf", sagt Norbert Schumann. Während Dynamo Dresden die Erste Bundesliga beehrte, bereicherte Dynamo Windrad endlich die Kreisklasse Kassel. Mittlerweile spielen sie in der Kreisliga B.

Paradoxerweise hatten zur selben Zeit große und kleine Vereine in Ostdeutschland ihr Dynamo im Klubnamen getilgt. Vorneweg der zehnmalige DDR-Meister BFC Dynamo, der mit einem neuen Namen, FC Berlin, sein Image als Stasiverein abschütteln wollte. Mitte der Neunziger aber wurde aus dem FC Berlin doch wieder der BFC Dynamo.

Dessen einstiger Erzrivale aus Dresden stand dagegen stets zu seiner Dynamo-Vergangenheit. 2007 wurde nach einem Mitgliederentscheid aus dem zwischenzeitlichen 1. FC Dynamo Dresden sogar wieder die altbekannte SG Dynamo, die am 12. April vor ziemlich genau 60 Jahren also gegründet wurde. Während die Sachsen ihr Vereinsjubiläum allerdings mitten im Abstiegskampf der zweiten Liga begehen, sind die texanischen Namensvetter sportlich weiter. Houston Dynamo ist amtierender Vizemeister der amerikanischen Major League Soccer.