Es muss eine ziemliche Freude sein, in diesem durchgedrehten Fußball-April 2013 Anhänger von Borussia Dortmund zu sein. Aber auch eine ziemliche Qual. Ihr Verein gewinnt am Ende zwar immer, scheint aber auch Gefallen daran gefunden zu haben, die Geschehnisse von 180 Fußballminuten auf jene allerletzten Augenblicke der Nachspielzeit zu verdichten. Mit allem Drum und Dran. Gesund ist das nicht. 

Gegen Malaga im Viertelfinale ging es noch gut. Da feierten sie das Wunder von Dortmund, weil ihre Spieler den Spaniern in der Nachspielzeit noch zwei Bälle ins Tor legten. In Madrid drohte sich die Geschichte zu wiederholen, nur andersherum. Nach 178 von 180 Minuten fehlte Real Madrid plötzlich nur noch ein Tor, das alles auf den Kopf gestellt hätte. Als würde der Fußballgott sich erinnern, dass er jene, denen er mal einen Gefallen getan hat, auch irgendwann wieder bestrafen muss. Sonst nimmt ihm die ganze Sache ja keiner mehr ab.

Jürgen Klopp gestand nach dem Spiel, in diesen Minuten der Nachspielzeit gen Himmel geblickt zu haben. "Ich habe nur gedacht: Wenn Gott will, kommen wir ins Finale", sagte er. Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke ging es so schlecht, dass er nach dem Rückstand seinen Ehrentribünennachbarn sitzen lassen musste. Das war immerhin der spanische König Juan Carlos. Doch Watzkes Herzgesundheit ging vor Etikette,  er schloss sich bis Spielende in einer Toilette ein.

Es hätte tatsächlich niemanden verwundert, wenn in den letzten Sekunden noch etwas passiert wäre. Es hätte zu diesem "von der ersten Sekunde an total verrückten Fußballspiel" (Klopp) gepasst. Zu dieser Schlacht, diesem Ringen, diesem sportlichen Gezänk, über dem eine Energie lag, wie sie bei einem Fußballspiel nur selten zu spüren ist. 

© ZEIT ONLINE


Das war zugegebenermaßen vor allem das Verdienst des Gastgebers. Real Madrid wollte wie ein Orkan über den BVB hinwegfegen, gleich nach dem Anpfiff, und dann schauen, wie viel von den Dortmundern übrig bleibt. Dazu brauchten sie vor allem die Zuschauer. Der Klub startete dafür Tage vor dem Spiel eine Image-Offensive bei den eigenen Fans. Er drehte ein Video mit dem Titel Nuestra fuerza eres tu ("Unsere Stärke bist du"), auf dem die Spieler im Halbdunkeln arg pathetisch auf ihre Fans einreden. Vor der Partie wurde der Spot fast in Dauerschleife auf der Stadionleinwand eingespielt.  

Die Taktik ging auf.  Schon vor dem Spiel war nichts zu spüren von eventueller Verzagtheit und Skepsis ob des 1:4-Rückstandes aus dem Hinspiel. In der U-Bahn sprachen die Leute von vergangenen großen Aufholjagden. 5:0, tippten einige. Tausende Real-Fans riefen auf den Straßen rund um das Stadion ihr "Si, se puede", was soviel heißt wie: Ja, wir können es schaffen. Und als sich der Mannschaftsbus der Madrilenen durch die Menschenmassen schob, ganz langsam, flankiert von Polizeibeamten, wedelten die Real-Fans mit ihren Schals und sangen ihre Lieder, dass man glauben musste, hier werde schon der Champions-League-Pokal spazieren gefahren.

Im Stadion ging es weiter. Das Santiago Bernabeu, dessen Tribünen sich in fünf Ringen, fast senkrecht vom Spielfeld empor schrauben, war laut. Sehr laut sogar. Man hatte ein wenig Angst, der ganze Beton, immerhin Baujahr 1947, würde einem irgendwann um die Ohren fliegen. Jeder Eckball löste einen Begeisterungssturm aus, jeder Schuss auf das Tor von Roman Weidenfeller riss die Zuschauer von den Schalensitzen. Selbst die Balljungen am Spielfeldrand gingen so übermotiviert zu Werke, dass sie manchen Spieler gleich drei Bälle zuwarfen.