Die Ronaldos mit dem Down-Syndrom

Fußball - Die Ronaldos mit dem Down-Syndrom Ausgehend von einer Elterninitiative bietet der Hamburger Sportverein Grün-Weiss Eimsbüttel seit einigen Jahren Fußballtraining für Kinder und Jugendliche mit Behinderung an.

Die Hochhäuser an der Julius-Vosseler-Straße in Hamburg sind ziemlich weiß, wenn die Sonne drauf scheint. Vom Balkon aus können die Anwohner auf den Sportplatz Tiefenstaaken gucken. Kunstrasen, mit Granulat zwischen den Halmen, ziemlich grün, wenn die Sonne drauf scheint. "Du darfst nicht mitspielen", sagt Maxi zu mir. Ich hab den Fuß auf einem der Bälle, mit denen auf einem kleinen Feld ohne Torwart gekickt wird. "Nee", nicke ich, "darf ich nicht."

Dann schießt mir Maxi den Ball unterm Fuß weg. "Du darfst nicht mitspielen!", sagt Maxi. Und betont das "nicht". Ich versuche, ihm zu erklären, dass ich nur auf den Ball aufpasse. Ich laufe dem Ball hinterher, am Ende sollen es wieder elf sein, minus dem goldenen Ball, den Leo mitgebracht hat.

Maxi und Leo sind Teil eines in Hamburg einmaligen Projekts. Jeden Donnerstag trainiert Grün-Weiss Eimsbüttel geistig behinderte Kinder und Jugendliche im Fußballspielen. Einige der 12- bis 15-Jährigen haben das Down-Syndrom, andere Epilepsie, die meisten gehen auf die Sonderschule. Ungewöhnlich auch, dass die Gruppe aus Jungs und Mädchen besteht – auch wenn heute kein Mädchen erscheint.

Die Trainer heißen Daniel Salvador Henning und Joel Brüllke Marti und sind aus Barcelona. Henning ist 32, hat mal für den FC Teutonia 05 Ottensen II gestürmt, Brüllke Marti ist Biologie- und Spanischlehrer an der Stadtteilschule Stellingen. "Also", sagt Henning, den alle Dany rufen, "du passt zu mir, ich pass zurück, du schießt". Paul geht ins Tor. Maxi hat nun auch seinen Ball weggeschossen, ihn nicht zurückgeholt und verliert den Draht zum Spiel, zu den anderen. In seinem schneeweißen Nationalmannschaftshemd, seinen weißen Stutzen und den edlen Tretern sitzt er am Spielfeldrand und guckt in eine andere Richtung. 

Trikot aus Barcelona, Strümpfe aus Eimsbüttel

Morten, mit dem St.-Pauli-Trikot, passt zu Dany, der lupft, Morten nimmt den Ball aus der Luft. "Yeah", sagt Dany, Morten jubelt. Änis ist dran. Ein großer, starker Kerl, vor dem der von Dany gepasste Ball liegt. Änis läuft, und je näher er dem Ball kommt, desto langsamer läuft er. Der Kopf sagt dem Fuß, was er tun soll, aber es gibt was, das den Fuß hemmt. Und nun kämpfen das, was hemmt, und das, was der Kopf sagt, miteinander. Es kostet Änis große Anstrengung, den Ball zu schießen. Wo der dann hingeht, ist erst mal nicht wichtig. Raul, der auf die deutsche Aussprache seines Namens besteht, schiebt Dany den Ball durch die Füße und knallt ihn ins Netz.

Nun wird von der blauen Linie geschossen. Änis steht im Tor. So gehen nur die Bälle nicht rein, denen Änis nicht ausweichen kann. Wer trifft, darf weiter nach hinten. Morten zum Beispiel. "Mach ihn rein!", sagt er zu seinem Kumpel Raul. Der ballert drüber. Maxi will nicht aufs Tor zielen, sondern den goldenen Ball von Leo wegschießen, der zum Hemd von Barça grün-weiße Strümpfe von Eimsbüttel trägt. Paul, gute Schusshaltung, ein bisschen wie "Bulle Roth", wenn den noch einer aus Bayerns Siebzigern kennt. Gut, dass Änis die Bälle nicht halten will. "Ronaldo", lobt sich Paul. Den kennen alle.

Morten und Raul haben die Rückennummer 13, sitzen an der Linie und werfen Granulatsteinchen auf Maxi, der da sitzt und weg ist. Maxi findet das Papier doof, auf das ich schreibe. Er ist irritiert. Heute erstes Training im Freien, ein Fremder, ein paar Leute fehlen, die sonst da sind, neue Übungen. "Du darfst nicht mitspielen", sagt er und schießt den Ball auf meinen Rucksack. Plopp.

"Wir versuchen, die Kinder so normal wie möglich zu behandeln"

Ein kleines Spiel: vier gelbe Leibchen gegen vier ohne Leibchen. Raul und Morten werden getrennt. Morten zieht eine Schnute, Raul steht schon auf dem Platz und will, dass es losgeht. Irgendwann foult Paul Raul. "Entschuldige dich", sagt Dany. Paul schüttelt den Kopf. "Entschuldige dich", verlangt Dany. "Nö", sagt Paul und verschränkt die Arme vor der Brust. Dann geht er vier kleine Schritte vor und streckt Raul die Hand hin. Eigentlich will er nicht. Raul drückt sie, macht das 4:2 für die Leibchen und springt Joel an. Das Jubeln haben sie aus der Bundesliga.

Morten schubst Maxi, der manchmal nur so dasteht. Maxi schubst zurück. Paul stellt sich, mit breiter Brust, zwischen sie. Sofort hört das Schubsen auf. Am Ende 5:5, Paul sitzt auf dem Rasen und brüllt: "Ja", immer wieder "ja". 

Die Trainer sind keine Pädagogen, sondern Fußballer

"Vielleicht ist es gut, dass hier Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen sind", sagt der Trainer Joel. Dass einer der Spieler von Mitspielern angemacht wird, weil was nicht klappt, "kommt sehr selten vor", sagt er. Sie fahren zu Turnieren. "Da nehmen wir alle mit und rotieren", sagt Joel. "Das Gewinnen steht nicht im Vordergrund." Am Anfang, als sie gegen Ältere spielen mussten, hatten ein paar die Hosen voll. "Dann haben wir gewonnen, und alle gingen mit vor Stolz geschwellter Brust vom Platz", sagt Joel. Gute Erfahrung.

Das Eimsbütteler Projekt geht auf eine Initiative engagierter Eltern zurück, das ist etwa sieben Jahre her. Die Eltern setzen auf die Kraft, die im Fußball steckt. Die ja die Kraft ist, die die Spieler hineinstecken. "Für manche ist der Fußball das A und O", sagt Joel. Alex, der heute fehlt, sammelt Trikots. "Leo", sagt Joel, "als der ankam und wir Plumpsack spielten, er den Plumpsack aufnehmen und hinter dem anderen herrennen sollte, da war der andere einmal rum und Leo versuchte immer noch, den Sack aufzuheben." Leo ist heute erheblich geschmeidiger.

Die beiden Trainer Joel und Dany sind keine Sonderpädagogen, sondern Fußballer. "Wir versuchen, die Kinder so normal wie möglich zu behandeln", sagt Joel. Die Gruppen haben Aufnahmestopp. Sie bräuchten mehr Hallen- und Rasenplatzzeiten.

Training zu Ende. Ein paar Kinder werden von Vater oder Mutter oder Geschwistern abgeholt, Paul sitzt auf seinem gefährlich schwarzen Rad, mit einem gefährlich schwarzen Helm auf dem Kopf. "Fährst nach Hause?", fragt Joel. "Nee", sagt Paul. "Sondern?", fragt Joel. "Kumpel", grinst Paul. "Welche Straße?", fragt Joel. "Weiß ich nicht", sagt Paul. Pause. Und dann grinst er: "Aber ich kenn' den Weg."