ZEIT ONLINE: Giovane Elber, seit Tagen wird in Brasilien demonstriert, eine Million Menschen war zuletzt auf der Straße. Haben Sie so etwas schon mal erlebt?

Giovane Elber: Nein, so etwas hat Brasilien noch nie gesehen. Wenn es vorher Protest gab, kamen 50 oder 100 Leute. Jetzt kommt das ganze Land zusammen. Selbst TV Globo hat live übertragen, den ganzen Abend, und dafür sogar die Telenovela ausfallen lassen. Das gab es noch nie.

ZEIT ONLINE: Was läuft falsch in Brasilien?

Elber: Die Leute haben die Nase voll von der Korruption. Es geht nicht mehr um die paar Cent für die Busfahrt. Es wurde viel in Fußball-Stadien investiert, aber leider haben wir schlechte Krankenhäuser, unser Bildungssystem ist nicht gut, weil die Lehrer schlecht bezahlt werden. Es gibt Sicherheitsprobleme. Eine WM ist toll, aber die Leute wollen sicher und gut leben.

ZEIT ONLINE: Nun sind das keine neuen Probleme. Brauchte es erst den Confed-Cup, damit die Leute auf die Straße gehen?

Elber: Ja, die jungen Leute haben erkannt, dass bei diesem Turnier die ganze Welt auf Brasilien schaut. Natürlich gibt es auch ein paar Randalierer, so etwas gehört da nicht hin, aber demonstrieren ist wichtig.

ZEIT ONLINE: Die Brasilianer galten bisher nicht als besonders protestfreudig.

Elber: Endlich haben die Leute ihren Arsch bewegt und nicht nur vor Facebook und Twitter gesessen und irgendwas geschrieben. Ich habe am Donnerstag zu meinen Kindern gesagt: "Ich glaube, ab heute werden wir ein neues Brasilien erleben." Weil ich so etwas noch nie gesehen habe. Und es wird noch mehr Protest geben, es ist noch lange nicht zu Ende.

ZEIT ONLINE: Woher kommt die Korruption?

Elber: Sie war schon immer ein Thema. Daran hat sich auch unter den Präsidenten Lula da Silva und Dilma Rousseff nicht viel geändert. Ich glaube, die Politiker müssen jetzt aufpassen. Bisher konnten sie machen, was sie wollten. Das machen die Leute nicht mehr mit.

ZEIT ONLINE: Ein großes Thema sind die teuren Stadien.

Elber: Wir haben ein schönes Stadion in Manaus gebaut. Aber dort gibt es nicht mal eine Erstligamannschaft. Wer soll dort nach der WM spielen? Die Affen oder Krokodile? Das gibt’s doch nicht! Oder Natal, eine schöne Urlaubsstadt, aber Fußball wird dort nicht wirklich gespielt. Genauso in Cuaibá. Das sind auf die Schnelle drei WM-Orte, in denen die Stadien nach dem Turnier leer bleiben werden.

ZEIT ONLINE: Die großen, neuen Stadien sind Forderungen des Fußballweltverbandes Fifa. Warum hat Brasilien das trotz der ganzen anderen Probleme mitgemacht?

Elber: Sepp Blatter hat neulich gesagt, dass es nicht das Problem der Fifa sei. Das ist nicht ganz falsch. Die Fifa ist nicht mit der Pistole nach Brasilien gekommen und hat uns gezwungen, WM-Land zu werden. Dass in zwölf Städten gespielt wird, hat Brasilien selbst entschieden. Es hatte politische Gründe. Jeder Politiker hat versucht, die WM auch in seine Heimatstadt zu bringen. Deswegen ist das alles zu groß geworden. 

ZEIT ONLINE: Auch die Eintrittskarten sind relativ teuer. Droht der Fußball das Land zu spalten?

Elber: Eine WM ist nicht für den Fan. Eine WM ist für reiche Leute, auch in Brasilien. Jemand, der jede Woche ins Stadion geht, hat bei der WM meist keine Chance auf ein Ticket. Ich war jetzt bei einem Confed-Cup-Spiel in Fortaleza im Stadion: Da habe ich keinen normalen Arbeiter gesehen.