ZEIT ONLINE: Herr Kruse, Sie haben innerhalb eines Jahres den Aufstieg aus der zweiten Bundesliga in die Nationalmannschaft geschafft. Können Sie diesen Qualitätssprung genießen bei der Geschwindigkeit?

Max Kruse: Mein Leben hat sich in den vergangenen Monaten in einem irren Tempo entwickelt, da haben Sie recht. Es kribbelte trotzdem ganz schön vor dem Spiel gegen Ecuador, ich war aufgeregt und habe mich gleichzeitig wahnsinnig gefreut. Auch wenn meine Entwicklung heute von außen betrachtet sehr schnell ging, war das für mich ja ein langer Prozess.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Kruse: Ich bin 25 Jahre alt. Das ist für einen Fußballer schon ein ganz schön fortgeschrittenes Alter. Wenn ich die heutige Generation sehe, die mit 19 oder 20 Jahren das erste Länderspiel bestreitet, dann bin ich ganz schön spät dran. Und fast wäre es auch nicht mehr dazu gekommen…

ZEIT ONLINE: Sie haben von 2006 bis 2009 bei Werder Bremen gespielt, schon als Jugendlicher wurden Sie vom langjährigen Werder-Trainer Thomas Schaaf als größtes Talent bezeichnet, welches ihm in seiner Trainerkarriere begegnet sei. Und trotzdem haben Sie den Sprung unter die ersten elf nicht geschafft. Was lief damals falsch?

Kruse: Talent kann halt manchmal auch ein Fluch sein. Ich habe mich in den ersten Jahren zu sehr auf meine Begabung verlassen. Ich spiele Fußball, seitdem ich denken kann und immer hob ich mich von der Masse mit meinem Spielverständnis und meiner Technik ab. Ich dachte wohl, dass das reichen würde. Ich war ein bisschen faul. Irgendwann habe ich gemerkt, dass Talent ohne Arbeit nichts wert ist.

ZEIT ONLINE: Das haben Sie von alleine gemerkt?

Kruse: Naja, ehrlich gesagt, hat mein Vater mich getriezt. Er sagte, wenn ich noch was erreichen wolle, dann werde es höchste Zeit, meine Einstellung zu ändern, also professioneller zu arbeiten. Ich wusste, dass er recht hat und dachte: Ich bin nun knapp 24 Jahre alt, wenn es jetzt noch was werden soll mit meinem Traum, für Deutschland zu spielen und einer richtigen Karriere in der Bundesliga, dann muss ich was tun.

ZEIT ONLINE: Sie wollten sich weiterentwickeln und wechselten vom Erstligisten Bremen zu St. Pauli in die zweite Bundesliga. Heute wissen Sie, dass die Entscheidung richtig war – damals schien sie ungewöhnlich und riskant. Hatten Sie Angst, den Anschluss zu verlieren?

Kruse: Das war vielleicht ein bisschen gewagt. Aber ich kam bei Werder nicht zum Einsatz. Deshalb blieb mir gar nichts anderes übrig, als einen Schritt zurück zu gehen, um nach vorne zu kommen. Ich wusste, dass ich Qualitäten habe, und wenn ich akribisch daran arbeitete, dann würde ich es allen beweisen. Ich habe mich bei jedem Wechsel früh in der Saison für den neuen Verein entschieden. Vier, fünf Monate vor dem Saisonende. Eine solche Entscheidung muss sich richtig anfühlen, das ist wichtig. Natürlich gehört auch Glück dazu, ich weiß ja nie, wie die kommende Mannschaft wirklich abschneiden wird.

ZEIT ONLINE: Was genau haben Sie umgestellt?

Kruse: Ich habe meinen täglichen Trainingsumfang erweitert. Es sind manchmal nur Kleinigkeiten, die entscheiden. So habe ich zum Beispiel in den vergangenen beiden Sommerpausen während der letzten Urlaubswoche des Urlaubs ein privates Trainingslager gemacht. Zum Saisonstart war ich also fit und konnte ich mich direkt bei meinem neuen Verein zeigen. Außerdem habe ich meine Ernährung umgestellt, wenn auch nur minimal. Kurz nach meinem Wechsel zu Pauli wurde ich auch noch Vater. Ich trug also auf einmal Verantwortung für ein Kind, da setzt man automatisch andere Prioritäten. Alles, außer dem Fußball, rückte in den Hintergrund. Ich wurde fokussierter und, wenn Sie so wollen, erwachsen.

ZEIT ONLINE: Sie wechselten von St. Pauli im vergangenen Sommer zum SC Freiburg und spielen in der kommenden Saison für Borussia Mönchengladbach. Das ist eine enorme Entwicklung – es wirkt allerdings auch nicht so, als seien Sie ein Fußballromantiker, der sich seinem Verein verbunden fühlt. Täuscht der Eindruck?

Kruse: Ich bin sowohl Pauli als auch dem SC Freiburg sehr dankbar, vor allem meinen beiden Trainern, Holger Stanislawski und Christian Streich. Aber Vereinswechsel gehören nun mal zu meinen Job. So ist der Fußball. Ich liebe neue Herausforderungen. Natürlich weiß ich, dass es den Verein schwächt, wenn ein Spieler wegbricht. Aber ich denke, dass ich den Vereinen ihr Vertrauen in mich zurückgezahlt habe, auch wenn des eben nur über einen gewissen Zeitraum ging. Wir gehen ja nicht im Streit auseinander. Mit meiner Entscheidung, den SC Freiburg zu verlassen, ist Christian Streich wundervoll umgegangen. Er sagte, Mönchengladbach sei ein sehr gut geführter Verein. Ich glaube, er versteht sich gut mit meinem neuen Trainer Lucien Favre. Trotzdem bin ich traurig. Ich verlasse viele Freunde. Ich habe nicht lange Zeit, um mich zu verbessern und zu beweisen. Deswegen war der Wechsel der richtige Schritt.

ZEIT ONLINE: Gab es auch Angebote von anderen Vereinen?