Mehr als 30 Jahre lang glaubte ich, nicht tanzen zu können. Als Abiturient hatte ich eher unfreiwillig einen Walzerkurs besucht, als Vorbereitung auf meinen Abi-Ball. Danach machte ich mir und meinem Umfeld klar, dass ich ohne Rhythmusgefühl und mit zwei linken Füßen gesegnet war und stellte mich darauf ein, nie wieder zu tanzen. 

Aber dann ließ ich mich im Rahmen eines Liverollenspiels dazu überreden, ein paar einfache historische Tänze zu erlernen, und meine Überzeugung geriet ins Wanken: Diese Tänze fielen mir erstaunlich leicht.

Bei meinem unglücklichen Paartanzversuch war ich damit überfordert gewesen, gleichzeitig den Rhythmus der Musik zu erspüren, die Schritte zu setzen und meine Partnerin so zu führen, dass wir nicht die Wand oder andere Paare touchierten. Aber die historischen Tänze wie zum Beispiel die Kontratänze werden meist in Gruppen getanzt. Als Neuling kann man sich erst einmal auf das Grundschrittmuster konzentrieren, ohne führen oder über die Tanzfläche navigieren zu müssen. Führung und komplexere Schritte kommen erst später dazu. 

Historische Tänze werden oft fälschlicherweise als "Mittelaltertänze" bezeichnet, umfassen aber Volks- oder Hoftänze vom 15. bis 19. Jahrhundert. Sie werden zum Beispiel auf Mittelaltermärkten oder historischen Festen aufgeführt. Die leichteren Reigentänze kommen mit wenigen Schrittfolgen aus und sind so einsteigerfreundlich, dass sie auch unter Einbeziehung des Publikums getanzt werden können. Aber es gibt auch sehr anspruchsvolle Tänze: Die Folia zum Beispiel ist eher etwas für sportliche Tänzer mit Balletterfahrung. 

Seit drei Jahren biete ich selber ein Training für historische Tänze an und freue mich immer wieder, wenn überzeugte Nichttänzer auf einmal ein Erfolgserlebnis nach dem anderen und so viel Spaß am Tanzen haben, dass sie sich danach sogar in einen klassischen Tanzkurs trauen.

Einmal kam ein Ehepaar zum Training, beide Ende 50, sie begeisterte Tänzerin, er Tanzverweigerer. Eigentlich wollte er nur am Rand sitzen und zuschauen, aber wir haben ihn zum Mitmachen bewegen können. Nach dem Training erzählten mir die beiden, sie hätten zum ersten Mal in ihrer langjährigen Ehe gemeinsam getanzt. 

Wer sich für historische Tänze interessiert, kann sich hier europaweit über Veranstaltungen und Trainingsangebote  informieren.