Rostig war es und heruntergekommen. Das alte Feuerwehrauto hatte seine besten Zeiten längst hinter sich. Nur eine Frage der Zeit, ehe es auf dem Schrottplatz landen würde. Dann sah Nadine Angerer das Gefährt. Sie kaufte das Auto, ließ es reparieren und fuhr damit anschließend täglich durch die Gegend. Bei Turbine Potsdam, Angerers damaligem Verein, wussten sie zuerst oft nicht, ob irgendwo in der Nähe ein Feuer ausgebrochen war oder ob die eigene Torhüterin zum Training kommt.

Bernd Schröder muss immer noch lachen, wenn er an diese Zeit zurückdenkt. Von 2001 bis 2007 war er Angerers Trainer bei Turbine. Schröder sagt über sie: "Nadine hat einen sehr eigenwilligen Charakter, sie ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit, weil sie Dinge oft anders sieht und bewertet als die meisten Menschen." Er versteht das als Lob.

Nadine Angerer ist nicht nur eine außergewöhnliche Persönlichkeit, sie ist auch eine außergewöhnliche Torhüterin. Beim Finale der Europameisterschaft hielt sie am Sonntag zwei Elfmeter der Norwegerinnen, Deutschland siegte 1:0. Von ihren Mitspielerinnen wurde die Spielführerin anschließend überschwänglich gefeiert. Als Angerer auf der Pressekonferenz gerade über das Innenleben der Mannschaft berichten sollte, stürmten einige Spielerinnen den Saal. "Hey Natze, Hey Natze", skandierten sie. Angerers Kommentar: "Der Kindergarten hat Ausgang."

22.500 Euro Siegprämie

Später am Abend soll es noch ausgelassener zugegangen sein. Nach einer Ansprache von Wolfgang Niersbach tanzten die Nationalspielerinnen bis in die frühen Morgenstunden. Niersbachs Rede dürfte die Stimmung noch gehoben haben, der Präsident des Deutschen Fußball Bundes sprach unter anderem auch die Siegprämie an. 22.500 Euro erhalten die Spielerinnen jeweils – was allerdings rund zehnmal weniger ist als das, was die Männer bei einem ähnlichen Erfolg kassieren würden.

Die lange Partynacht war den meisten Spielerinnen nach der Landung am Frankfurter Flughafen anzusehen. Spätestens beim Empfang im Rathaus war dann aber alle Müdigkeit vergessen. Mit Nadine Angerer vorweg, laut singend und mit eigener Choreografie, enterte die Mannschaft den Rathaussaal. Als der Kapitänin auf dem Balkon schließlich das Mikro gereicht wurde, strahlte Angerer über beide Ohren. "Laganda, das schwedische Wort für Teamgeist, das haben wir in den letzten Wochen als Mannschaft gelebt."

Die internationale Presse hatte die 34-jährige Spielführerin als Garantin für den deutschen Sieg ausgemacht. "Die deutschen Fußballfrauen verdanken den sechsten europäischen Titel in Folge vor allem Nadine Angerer", fand De Telegraaf aus den Niederlanden. Die spanische Sportzeitung El Mundo Deportivo schrieb: "Angerer, die Heldin des deutschen Triumphes".

So ähnlich lauteten die Schlagzeilen schon einmal. Vor sechs Jahren spielte Angerer bei der Weltmeisterschaft in China das Turnier ihres Lebens. Brasiliens Weltfußballerin Marta konnte die deutsche Torhüterin im Finale nicht einmal per Elfmeter bezwingen. Angerer brachte das Kunststück fertig, im gesamten Turnier keinen Gegentreffer zu kassieren – das war zuvor noch niemandem gelungen. Egal, was die gegnerischen Angreiferinnen auch versuchten, Angerer war da. Die Paraden auf dem Feld bereiteten ihr keine Mühe, außerhalb des Platzes aber begann sich die Welt der Nadine Angerer rasant zu verändern.