Am Ausgang der Royal Box, auf der Rückseite des Centre Courts im All England Club, hatten sich ein paar Hundert Fans an den Absperrzaun gedrängelt und riefen Sabine Lisickis Namen. Die wanderte von rechts nach links die Reihe hinunter und wieder zurück und kritzelte wieder und wieder ihren Namen auf Fotos, Tennisbälle und T-Shirts. Sie konnte gar nicht genug kriegen von der Menge und sie konnte nicht aufhören, zu strahlen. Sie hatte es tatsächlich geschafft, die Berlinerin steht mit ihren 23 Jahren zum ersten Mal in einem Grand-Slam-Finale. In Wimbledon, auf jenem Rasen, den sie so liebt. Und auf den ließ sie sich dann auch erleichtert plumpsen, als es nach zweieinviertel Stunden endlich vorüber war. 

Sie schlug die Hände vors Gesicht, zitterte am ganzen Körper. Und wie sie so dalag, lachte und weinte sie gleichzeitig – das Gefühlschaos übermannte sie.

Seit Steffi Graf 1999 war das keiner Deutschen mehr gelungen, und Lisicki musste auch lange bangen, damit es klappte und sie die Weltranglistenvierte Agnieszka Radwanska in diesem hart umkämpften und hochklassigen Halbfinale noch mit 6:4, 2:6 und 9:7 bezwang. Die 15.000 Zuschauer hatten sich danach von ihren Sitzen erhoben und den beiden Akteurinnen für ihre furiose Darbietung stehend tosenden Applaus gezollt. Gegönnt hätten sie es beiden, doch nun ist es Lisicki, die am Samstag gegen Marion Bartoli im Endspiel steht. 

Dass sie nun gar als Favoritin auf den Titel gehandelt wird, hat Lisicki selbst gar nicht überrascht. Dass sie schon immer ganz nach oben wollte, hat sie nie verhehlt. Als sie sich vor sechs Jahren bei den Australian Open als Qualifikantin auf Anhieb in die dritte Runde spielte und erstmals in den Fokus geriet, merkte sie sofort kess an: "Ich will die Nummer eins werden."

Damals war sie die Nummer 194 der Welt und ihr Vorpreschen klang zunächst ein bisschen überheblich. Doch wer in der Akademie von Nick Bollettieri geschult wird – und dort in Florida trainierte Lisicki zunächst wochenweise mit ihrem Vater und zog mittlerweile ganz nach Bradenton – der redet nun mal so. Denn die Philosophie des amerikanischen Trainer-Gurus ist so simpel wie erfolgreich: Man darf sich selbst nie limitieren. Nur wer an das größte Ziel fest glaubt, wird es auch erreichen. Und nur wer sich für den Besten hält, wird es eines Tages auch werden.

Sabine Lisicki hat das tief verinnerlicht. "Ich habe schon vor dem Beginn des Turniers gedacht, dass hier alles möglich ist", sagt sie, nachdem sie die Weltranglistenerste Serena Williams bezwungen hatte. Lisicki glaubt bedingungslos an sich und kämpft genauso um jeden Ball. Dem Erfolg ordnet sie alles unter. Ein Leben abseits des Tennisplatzes hat sie selten gehabt, vermisst es aber auch nicht. Denn mit ihrer fokussierten Einstellung schien sie 2009 bereits auf bestem Wege, ihre Ziele im Eiltempo zu verwirklichen.