Die Hortensien, Ahornbäumchen und Heckenspaliere, die in ihren Töpfen von oben auf den Center Court am Rothenbaum schauen, müssen von Experten ausgewählt sein. Sie könnten einem der Vorgärten entstammen, die nebenan im reichen Hamburger Alsterviertel Rotherbaum weiße Jugendstilvillen umstellen.

Doch erfüllen die Bäumchen auch eine Funktion: Sie lenken den Blick weg von den dunklen Planen, mit denen der Oberrang des Tennisstadions zugedeckt ist. Von den 13.700 Sitzen werden nämlich seit Jahren nur 7.500 genutzt. Es ist eigentlich zu groß für ein Tennisturnier in Deutschland. Die Grand-Slam-Courts in Wimbledon und Paris fassen nur gut 1.000 Zuschauer mehr.

Der Deutsche Tennisbund (DTB) hatte das Stadion an seinem Standort 1997 auf diese Größe erweitert, auch ein teures mobiles Dach gebaut. Es waren fette Tennisjahre, es war die Endphase der Epoche Becker, Graf, Stich, als Tennis in der Gunst der Deutschen fast den Fußball überholte. Selbst wer sich noch nie zuvor für Sport interessiert hatte, stellte sich den Wecker, um nachts die Viertelfinals der US Open zu sehen. Kein Wunder, dass die Herren des Tennis vom Größenwahn gepackt wurden.

Seit 1999, als Boris Becker und Steffi Graf innerhalb weniger Wochen zurücktraten, ging es bergab mit dem deutschen Tennis. Immer niedriger wurden die TV-Quoten, immer weniger Hobbyspieler griffen zum Schläger, so mancher Ascheplatz am Stadtrand verkümmerte. In Tennishallen wird heute Fußball gespielt oder geklettert.

Federer und Haas sind die Attraktionen

Auch das Turnier am Hamburger Rothenbaum, das sportlich wichtigste Einzelturnier in Deutschland, verlor Zuschauer. TV-Sender, die der DTB zu guten Zeiten ablehnte, wollten nun nicht mehr. Der einst reiche Verband steckt seit über einem Jahrzehnt in finanziellen Schwierigkeiten. Auch das diesjährige Turnier wird nur im Nischenprogramm gesendet.

2008 stufte die ATP, die Vereinigung der männlichen Profis, Rothenbaum sogar vom 1.000er- (Master) zum 500er-Turnier ab. Stars kamen nur noch nach Hamburg, wenn sie noch keine waren oder keine mehr. Seitdem steht die Zukunft des Turniers, das seit 1892 in Hamburg ausgetragen wird, in Frage.

In diesem Jahr erlebt der Rothenbaum einen unverhofften Aufschwung. Roger Federer ist zum ersten Mal seit 2008 wieder dabei, vermutlich auch, weil er in Wimbledon schon in der zweiten Runde ausschied. Die Stadt ist behängt mit Plakaten, die mit dem Schweizer Sieger von siebzehn Grand-Slam-Turnieren werben.

Federer zieht. Am Mittwoch, dem ersten wichtigen Spieltag, gibt es schon mittags keine Karten mehr, das erste Mal seit dem Finale 2008. Als Federer am frühen Abend nach verlorenem ersten Satz sein großes Repertoire an eleganten Offensivschlägen zeigt und den deutschen Aufschlagroboter Daniel Brands besiegt, applaudieren über siebentausend Zuschauer. Eine beachtliche Kulisse für ein Zweitrundenspiel. Auch als der in Hamburg verwurzelte Tommy Haas antritt, die zweite Attraktion des Turniers, sind die Ränge unterhalb der Baumgrenze vollbesetzt.