ZEIT ONLINE: Herr Haug, Herr Aweimer, Fußball ist hierzulande für einige Ersatzreligion, stört Sie das?

Karsten Haug: Mich stört das auf keinen Fall. Ein Fußballspiel ist ein sehr emotionales Ereignis: Trauer, Hoffnung, Jubel, Depression manchmal. Fußball ist ein starkes Stück Leben und wir als Religionen müssten das eigentlich viel mehr aufnehmen. Viele Fußballfans haben Sehnsucht.

Ahmad Aweimer: Eine Ersatzreligion ist der Fußball für mich nicht. Besonders wenn Fans fanatisch agieren, dann ist das nicht religionskonform.

Haug: Für mich persönlich ist Fußball natürlich auch keine Ersatzreligion. Vor allem weil Fußball viele Dinge nicht beantworten kann. Die Frage nach dem Dasein, nach dem Sinn des Lebens. Friede, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung. Hier können die Religionen, was der Fußball nicht kann: Gott ins Spiel bringen.

ZEIT ONLINE: Überschätzen Sie sich da nicht? Es gibt viele Fans, die den Lebenssinn in ihrem Verein sehen. Wenn die Bundesliga nun in die 51. Saison startet, werden mehr Deutsche in Fußballstadien als in Kirchen oder Moscheen pilgern.

Haug: Das müssen wir akzeptieren und auch diesen Menschen ein Angebot machen. Sie haben ja auch eine Sehnsucht nach Frieden. Diese Gottesbeziehung spüren wir dann, wenn es an die Grenzen menschlichen Lebens geht, bei familiären Ausnahmesituationen oder wie zuletzt bei dem Zugunglück in Spanien. Dann gehen Menschen in die Kirche oder Moschee. Für Trost und Trauerarbeit müssen wir da sein.

ZEIT ONLINE: Herr Aweimer, ist es gut, dass mehr Menschen ins Stadion des VfL Bochum gehen als in eine Moschee?

Aweimer: Ein Heimspiel des VfL ist ein soziales Ereignis, das sollen die Menschen genießen. Mich stört, wenn das Spiel am Freitag ist und die Menschen statt zum Freitagsgebet ins Stadion gehen. Das würde die Religiosität verletzen. Mich stört auch, wenn sie das als Ersatzreligion bezeichnen. Zu einer Religion gehört viel mehr, als in einer Gruppe ins Stadion zu gehen und gegen eine andere Gruppe zu jubeln. Und hinter dem Fußball steckt eine große strukturierte Industrie, die sehr viel Werbung macht. In Deutschland werben Getränkehersteller, Politiker und natürlich Fernsehsender für den Fußball. Das ist eine Form des Kommerzes, die man nicht mit einer Religion vergleichen kann. Diese Milliardenindustrie beeinflusst die Menschen. Aber wenn die Mutter gestorben ist, geht man nicht zum Fußballverein.

ZEIT ONLINE: Wie ist zu erklären, dass sich beispielsweise HSV-Fans inzwischen auf dem HSV-Friedhof beerdigen lassen können?

Haug: Das ist kein Widerspruch. Wer sich dort beerdigen lässt, hatte zuvor im HSV eine Berufung für sich gesehen, sich mit dem Verein identifiziert. Man spricht ja auch von einer Fan-Gemeinde. Das kann auch im Angesicht des Todes gewürdigt werden. Der große unnahbare Gott entscheidet nicht, ob der BVB 1:0 gegen Schalke gewinnt. Aber warum soll er nicht auch beim Fußball zugegen sein. Ich habe selbst vor wenigen Tagen den Gründer von Borussia Dortmund zu Grabe getragen und gesagt, dass Franz Jakobi auch mit all seinem Engagement für den BVB nun in der Hand des Schöpfers liegt.

ZEIT ONLINE: In verschiedenen Bundesligastadien gibt es Kapellen und Fußballpfarrer. Bräuchte es dort auch einen Imam oder einen Rabbi?

Aweimer: Das hängt von den Möglichkeiten ab. Viele Moscheen haben noch nicht einmal einen ständigen Imam.

ZEIT ONLINE: Herr Haug, wenn das Angebot käme, würden Sie ihre Kirche verlassen und im Stadion des BVB arbeiten?

Haug: Ja, ich würde dort durchaus tätig werden wollen. Allerdings hat der Verein schon gesagt, eine Kapelle kommt in Dortmund im Stadion nicht in Betracht. Borussia hat ja schon die Dreifaltigkeitskirche. Dort, in meiner Gemeinde, ist 1909 der BVB entstanden. Wir versuchen, über Fußball und Glauben mit den Fans ins Gespräch zu kommen. Zum Bundesligastart gibt es einen ökumenischen Saisoneröffnungsgottesdienst. 

ZEIT ONLINE: Herr Aweimer, können Sie sich vorstellen Ähnliches wie Herr Haug zu tun: Einen Gottesdienst mit Fans, Schals und BVB- oder Bochum-Flagge?