ZEIT ONLINE: Herr Stibbe, können Sie sich noch an den Sportunterricht erinnern, den Sie als Schüler miterlebt haben?

Günter Stibbe: Ja. Der sah in den sechziger und siebziger Jahren natürlich völlig anders aus als heute. Wahrscheinlich war er so, wie ihn viele Leser noch kennen: sehr stark auf einzelne Sportarten orientiert. Und es ging um Leistungsoptimierung. Mir persönlich hat das immer viel Spaß gemacht. Ich kann aber verstehen, wenn sich viele nicht mitgenommen fühlten.

ZEIT ONLINE: Was hat sich bis heute geändert?

Stibbe: Der Sportunterricht öffnet weitere Perspektiven. Es geht mittlerweile auch um Gesundheit, darum, die Wahrnehmung zu fördern und alle Sinne zu integrieren. Oder die Expressivität, den körperlichen Ausdruck zu stärken. Und, was relativ neu ist: Wir wollen im Sportunterricht Wagniserlebnisse kreieren, die Schüler also etwas erleben zu lassen. Verkürzt lautet die Formel: Erziehung zum Sport und Erziehung durch Sport.

ZEIT ONLINE: Der beinahe militärische Drill, der früher mal geherrscht hat, ist also vorbei? Einer unserer Leser bezeichnete das einmal als permanente Verletzung der Menschenwürde.

Stibbe: Da muss ich jetzt vorsichtig sein. Auf dem Papier gibt es ihn nicht mehr. Ich möchte aber nicht ausschließen, dass es manchmal noch vorkommt. Aber es gibt auch viele Gründe, warum es gar nicht mehr so ablaufen sollte.

ZEIT ONLINE: Welche?

Stibbe: Die Zusammensetzung der Schüler hat sich stark verändert. Es gibt mittlerweile zwei Gruppen von Kindern und Jugendlichen. Die einen sind im Verein oder treiben informell Sport, fahren Skateboard oder sowas. Die verfügen über vielfältige Bewegungserfahrungen. Die andere Gruppe hat massive Bewegungsbeeinträchtigungen. Meist haben diese Kinder generell auch Nachteile im Bildungssystem, vor allem Mädchen mit Migrationshintergrund sind kaum in Sportvereinen aktiv. Denen fehlen grundlegende koordinative Fähigkeiten. Und die Schere zwischen diesen beiden Gruppen geht immer weiter auseinander.

ZEIT ONLINE: Wie sieht der neue Sportunterricht konkret aus?

Stibbe: Nehmen Sie einen Barren. So ein Barren kann ja vielerlei sein, nicht nur ein Turngerät. Wenn Sie Kindern den Barren hinstellen, dann fangen die nicht an, die Oberarmkippe zu machen, das wäre ja bescheuert. Für die ist der Barren erst einmal ein Spielgerät und wird erst später zum Sportgerät.

ZEIT ONLINE: Mittlerweile werden auch Sportarten unterrichtet, von denen man früher nur träumen konnte.

Stibbe: Das stimmt. Wobei wir nicht mehr von Sportarten sprechen, sondern von Bewegungsfeldern. Aus der Leichtathletik werden die Bewegungsgrundformen Laufen, Springen, Werfen. Mittlerweile wird beispielsweise  Parkour unterrichtet, also eine Art städtischer Hindernislauf. Wenn man so will, ist das eine Weiterentwicklung des Turnens. Ebenso wie Jonglage oder Akrobatik, da hat sich viel geändert. Es gibt auch viele Kampfformen: Ringen, Fechten, Judo. Ein weiterer Bereich ist das, was wir unter Gleiten, Fahren und Rollen zusammenfassen. Also Radfahren, Inline-Skaten oder Skifahren. Einige Schulen segeln sogar. Wobei dafür natürlich erst Bedingungen geschaffen werden müssen, vor allem materielle.

ZEIT ONLINE: Wobei wir bei den Problemen des Schulsports wären.

Stibbe: Die Kommunen sind für die schulische Ausstattung zuständig. Sie können sich vorstellen: Bei knappen Kassen sieht es schwierig aus. Das größte Problem ist der Schwimmunterricht. Mehr und mehr Schwimmstätten werden geschlossen. Die noch da sind, kosten Geld und der Aufwand, jedes mal Schüler hin- und herzufahren ist sehr groß. Ich halte das für sehr bedenklich. Zudem wissen wir, dass ein großer Teil des Unterrichts, vor allem an Grundschulen, von fachfremden Lehrern durchgeführt wird. Das ist problematisch. Da werden viele Dinge gar nicht probiert, aus Angst, die Kinder könnten sich verletzen.

ZEIT ONLINE: Sportunterricht wird noch immer gerne belächelt, oder?

Stibbe: Es kommt darauf an. Es gibt in vielen Bundesländern große Freiräume, wie die Stunden verteilt werden können. Da wird öfter mal die Notwendigkeit, Sport zu unterrichten, infrage gestellt. Übrigens auch von den Eltern. Sportunterricht wird mit Freizeit assoziiert. Nach dem Motto: Was machen die da überhaupt? Ich würde behaupten: Wenn Unterricht ausfällt, ist es zunächst einmal der Sportunterricht. Oder er wird irgendwo in den Randbereich verlegt, also sehr früh oder sehr spät. Da haben wir ein gesellschaftliches Problem. Komischerweise wird der Sport als Schulfach abgewertet, nach dem eigentlichen Unterricht aber wird Sport immer wichtiger. Wir beobachten das gerade an Ganztagsschulen.

"Stellen Sie sich vor, wie Sie sich fühlen, wenn Sie als Letzter gewählt werden"

ZEIT ONLINE: Ist es nicht schizophren, dass viele, die Sportunterricht ablehnen, später ins Fitnessstudio rennen und Geld für Sport bezahlen?

Stibbe: Absolut. Was in der Schule nicht gelernt wird, kann später nur schwer vermittelt werden. Das gilt insbesondere für bildungsferne Schichten. Wir müssen im Unterricht ja auch über die Ambivalenz des Sports aufklären und die Kultur des Sports reflektieren: dass Sport nicht immer auch gesund ist. Oder dass man sich kritisch mit Körperbildern und Fitnessidealen auseinandersetzen muss. Gerade in der Pubertät ist es wichtig, dass jemand vermittelt, dass die Persönlichkeit mehr ist als die äußere Erscheinung. So etwas geht nur im Sportunterricht. Nur dort kann man mal ins Fitnessstudio gehen und erklären, dass da ökonomische Interessen dahinterstehen. Und erklären, dass Ähnliches auch machbar wäre, ohne dafür Geld auszugeben. Oder nehmen Sie das Thema Doping. Das ist ja nicht nur im Leistungssport ein Thema. Da müssen wir Aufklärung betreiben.

ZEIT ONLINE: In einer Studie zum Sportunterricht aus dem Jahr 2006 steht sinngemäß: Die Stellung des Faches und die Bedeutung der Sportnoten muss gestärkt werden, damit diese nicht zur kosmetischen Beigabe degenerieren. Wie kann das funktionieren?

Stibbe: Wir müssen es schaffen, das antiquierte Bild, das viele noch vom Sportunterricht haben, zu ändern. Wir müssen zeigen, dass der Sportunterricht auch pädagogische Aufgaben hat. Er kann dazu beitragen, die Aufgaben der Schule insgesamt zu lösen und zwar auf einer anderen Ebene: der des Körpers. Der Körper wurde in der abendländischen Kultur vernachlässigt, der Geist stand im Mittelpunkt. Wir müssen den Sportunterricht öffnen, auch auf kollegialer Ebene, also mal den Mathematiklehrer reinholen und ihm zeigen, wie moderner Unterricht aussieht.

ZEIT ONLINE: Ist es modern, wenn Jungen und Mädchen gemeinsam Sport treiben?

Stibbe: Ja, grundsätzlich sollte koedukativ unterrichtet werden. Wobei es da auch Probleme geben kann, zum Beispiel beim Schwimmunterricht von Mädchen mit Migrationshintergrund. Peer Steinbrück hatte mit seiner Aussage gegen koedukativen Unterricht da ja neulich für Wirbel gesorgt. Die Schulen regeln das meist individuell. Grundsätzlich aber ist das richtig, es geht um den Abbau von Geschlechterstereotypen. Den erreiche ich auch im getrennten Unterricht, in dem ich verdeutliche, dass es ganz normal ist, wenn Mädchen Fußball spielen und Jungs tanzen.

ZEIT ONLINE: Gibt es eigentlich die Trillerpfeife noch?

Stibbe: Die Pfeife hat ausgedient. Sie hat im Unterricht nichts mehr zu suchen. Die Turnhalle ist ja kein Kasernenhof. Ich habe die Pfeife nur benutzt, wenn ich Schiedsrichter war oder um alle mal zusammenzurufen, wenn es sehr laut war in der Halle.

ZEIT ONLINE: Und das unbarmherzige Wählen, das zu sehr vielen Traumata geführt hat?

Stibbe: Ich fürchte, das gibt es noch, leider. Ich habe meinen Kollegen immer gesagt: Stellen Sie sich vor, wie Sie sich fühlen, wenn Sie als Letzter gewählt werden! Ein pädagogisch verantwortungsbewusster Lehrer wird das nicht mehr machen – und wenn, dann nur noch in Maßen. Aber sowas wie früher nach dem Motto: Ihr kriegt die Zwei noch dazu, die könnt ihr ja ins Tor stellen. Das sollte es nicht mehr geben.