"Na, am Wochenende wieder schön prügeln?"

Weil kein Spiel ist, darf er hier sein. Im Ostenkurvensaal, den das Fanprojekt des SV Werder Bremen vom Betreiber des Weser-Stadions gemietet hat. Einige Jungs arbeiten an der Choreografie für das erste Heimspiel am 17. August gegen Augsburg.

Michael Renner, 24, in Westdeutschland geboren, Realschule, Industriekaufmann, ein paar Kilo zu viel, ist ein SVler, ein Stadionverbotler. Er darf Fußballstadien nicht betreten, von der Ersten bis zur Regionalliga. 3.000 SVler gibt es bundesweit.

Renner, der seinen richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte, ist wegen Werder nach Bremen gezogen. Sein Vater, selbst Fußballfan, hat lange nicht verstanden, was sein Sohn an Werder findet. Auch der Sohn versteht nicht alles. Bei sich und überhaupt.

Kein Ermittlungsverfahren, keine Anklage, kein Urteil

Am 1. Oktober 2009, Renner ist in der Schule, kommt bei den Eltern ein Brief an: Der Sohn hat Stadionverbot. Der Vater fragt, was los ist. "Ich weiß es nicht", antwortet Renner. Er sagt auch: "Ich bin kein Unschuldslamm."

Es geht um den letzten Spieltag der Saison 2008/09, der Meister Wolfsburg schlägt Werder mit 5:1. Es gibt ein Video. "Da bin ich drei, vier Sekunden lang zu sehen, im Bahnhof von Hannover, da sind wir auf der Rückfahrt", sagt Renner. Auf dem Video sei keine Schlägerei oder Ähnliches zu sehen, versichert er. "Ich lauf rein ins Bild, da steht eine Gruppe von Leuten rum, ich gestikuliere, ich lauf wieder raus aus dem Bild." Fertig.

Ein paar Monate nach dem Brief mit dem Stadionverbot bekommt Renner eine Anzeige wegen Landfriedensbruch. Er hat einen Gerichtstermin, zu dem er 90 Minuten zu spät kommt, weil er die Autobahnausfahrt verpasst. Vor Gericht gibt er zu, dass er das ist, auf dem Video, doch sein Geständnis steht versehentlich nicht im Urteil. Er bekommt 1.600 Euro Strafe, der Anwalt rät zur Berufung vor dem Landgericht. Nun hätte Renner gerne nicht gesagt, dass er das ist, auf dem Video. Er schweigt. Die Schöffen aber haben während der Berufungsverhandlung gehört, wie Renner seinem Anwalt sagte, dass er das doch ist, auf dem Video. Das Urteil: eine Verwarnung, die nicht in den Akten auftaucht, keine Geldstrafe.

Das nächste Stadionverbot kam im Dezember 2009 bei einem Spiel des FSV Mainz II gegen Rot-Weiß Essen. Es gibt eine lange Fanfreundschaft zwischen Werder und Essen. "Ich hatte gut einen gepichelt", sagt Renner. Das Ergebnis: Hausfriedensbruch, weil er aufgrund des Stadionverbots die Arena nicht hätte betreten dürfen. 600 Euro Strafe. Zudem soll Renner einen Polizeibeamten mit einer Flasche geschlagen haben, gefährliche Körperverletzung. "Ist völliger Quatsch", sagt er. Es gab nie ein Ermittlungsverfahren, nie eine Anklage oder Verurteilung. 

Wer Stadionverbot hat, riskiert weitere

Ende 2010 kommt ein Stadionverbot in Leverkusen hinzu, weil er auf dem Pflaster vorm Fanblock der Werder-Fans steht. Auf dem Pflaster darf er nicht stehen, weil es angeblich schon zum Stadion gehört. "Man sieht das dem Pflaster nicht an", sagt er.

Renner ist in der Mühle. Die Werder-Ordner, die bei jedem Auswärtsspiel dabei sind, wissen, dass er Stadionverbot hat. Bremer Polizisten grüßen ihn in der Stadt mit: "Na Herr Renner, am Wochenende wieder schön prügeln?" Renner geht weiterhin zu jedem Werder-Spiel. Obwohl er weiß: Wer Stadionverbot hat, und in Stadionnähe geht, riskiert weitere, auch wenn er sich nichts zu Schulden kommen lässt. Weil er gegen Auflagen des Stadionverbots verstößt. 

Am Bahnhof darf er nicht sitzen

In Bremen treffen sich die SVler an der Treppe am Osterdeich, gehen den Fans entgegen, singen mit ihnen. Dann gehen die einen ins Weser-Stadion, die anderen in die Kneipe. Auswärts fährt er im Zug oder Fanbus mit, geht in die Innenstadt, um sich das Spiel mit den anderen SVlern in einer Kneipe anzugucken. Trinkt ein Bier. Passt auf, dass es nicht mehr werden.

"Ich hab oft zu mir gesagt: Michael, mach's nicht mehr, bleib zu Hause. Aber das ist nicht so einfach, ich kann's nicht. Es ist der Fußball", sagt Renner. Bei den ersten Spielen ohne ihn hat er geweint. "Ich will den Kontakt mit den anderen nicht verlieren", sagt er, "ich hab nur Kumpels aus der Werder-Ultraszene, verliere ich die, hab ich nichts mehr. Verliere ich den Fußball, hab ich nichts mehr."

"Den Fußball verlassen kann ich nicht"

Renner hat lange gebraucht, um zu verstehen, dass es einen Zusammenhang zwischen Stadionverbot und Gewalt gibt. Dass es das Stadionverbot war, das ihn in die Gewaltszene gebracht hat. "In die bin ich tief rein gerutscht", sagt er. Er hatte sich älteren SVlern angeschlossen. "Du darfst nicht zum Spiel, also suchst du dir einen anderen Kick." Gegnerische Fans jagen, von gegnerischen Fans gejagt werden ist ein Kick. Die Folge der vielen Stadionverbote sei, dass die Gewalt in die Städte wandert.

Seit 18 Monaten ist er aus der Szene raus. "War schwer davon wegzukommen", sagt er, "ist 'ne Sucht." Er hat mit einem Psychologen gesprochen, der Polizei, den szenekundigen Beamten. Die Gewaltszene hat er verlassen. "Den Fußball verlassen kann ich nicht", sagt er, "Stadionverbote treffen das Größte, das es im Leben gibt, deshalb sollte das nicht die erste Maßnahme sein, sondern die letzte".

Renner habe jetzt schon eine Weile nichts mehr gemacht, meint er. Die Verbote aus Bremen und Mainz sind ausgelaufen. Das Verbot, das noch besteht, ist das aus Leverkusen. Bremer szenekundige Beamte und Werder-Verantwortliche haben mit Bayer gesprochen. "Die haben denen gesagt, dass ich mich verändert und es nun verstanden habe", sagt er. Wenn Bayer mitmacht, darf er im Winter 2013 wieder, sonst Sommer 2014.

Er hat versucht, die Dauer des Verbots mit Sozialstunden zu reduzieren. "Das hat Spaß gemacht, das hab ich freiwillig gemacht, aber Leverkusen wollte nicht reduzieren", sagt er. "Bei denen liegen Stadionverbote fix und fertig unterschrieben in der Schublade, die sind auch gegen die eigenen Fans so", sagt Renner. Nicht alle Bayer-Stadionverbote halten vor Gericht stand.

Eine Gerichtsverhandlung steht noch aus. Gladbach, 2010: Ein Werder-Fan im Rollstuhl braucht länger, bis er am Zug ist. "Die Polizei war der Meinung, er sei zu spät und könne nicht mehr mit", sagt Renner. Er schiebt den Rollstuhl. Er schnappt sich ein Megaphon und fordert die Werder-Fans zum Verlassen des Zugs auf. Typisch Renner. Die Fans verlassen den Zug. "Nun hatte mich die Gladbacher Polizei auf dem Kieker", sagt Renner.

Als Werder im November 2011 wieder in Gladbach ist, sei dann das passiert: "Die Gladbacher Polizei kommt in den Zug, schiebt 'ne Oma weg. Ich sag: 'Langsam, geht das nicht auch anders?', und muss den Zug verlassen. Ich frag die Polizei: 'Wo drückt der Schuh?' Da behaupten die, ich hätte gesagt, man soll die Bullen tot prügeln." Und? "Hab ich nicht!", ist Renner empört. Gerichtstermin: Oktober 2013.

Keine Möglichkeit, sich zu wehren

"Letztlich zeigt das, dass die Polizei nicht weiß, wie sie mit uns umgehen soll", sagt Renner. Die Deutsche Fußballliga habe mit ihrem neuen Sicherheitskonzept die Gewichte zugunsten der Polizei verschoben. "Einige von denen haben das Gefühl, sie müssten gar nicht mehr mit uns reden. Die nehmen dich gleich mit", sagt Renner. In Bremen sei das Verhältnis zwischen Fans und Polizei nicht gut, "aber besser als anderswo".

Am Bremer Bahnhof sitzt Renner in der Sonne und trinkt was. Polizeipatrouille. Auch hier darf er nicht sitzen. Die Bahn AG versucht, ein bundesweites Bahnhofs- und Zugverbot gegen Renner zu verhängen. Das hat bislang nicht geklappt, weil es der Bahn AG nicht gelungen ist, Vollmachten ihrer vielen Tochtergesellschaften vorzulegen. Auch die Bundespolizei hatte versucht, ein Bahnverbot gegen Renner zu erwirken, war aber vorm Verwaltungsgericht gescheitert. Renner weiß selbst nicht genau, welche Bahnhöfe er betreten darf und welche nicht. Schwer, den Überblick zu behalten.

Menschen wie Renner nützt es nichts, wenn sie vor Gericht Recht bekommen, weil die Polizei von Privatorganisationen wie Sportvereinen oder der Bahn AG die entsprechenden Verbote verhängen lässt. Die sind nicht an die Unschuldsvermutung gebunden. Menschen wie Renner gelten als so gefährlich, dass unser Strafrecht privatisiert wird, um sie bekämpfen. Dabei verlieren sie alle Möglichkeiten, sich zu wehren.

Die Beamten der Patrouille am Bahnhof gucken Renner an. Der sagt: "Die wechseln alle paar Jahre. Ich hoffe, irgendwann kommen welche, die mich nicht kennen."