Kurz darauf erzielt Pierre-Emerick Aubameyang das 3:2, Robert Lewandowski das 4:2 und Marco Reus das 5:2. Eine Vollgasveranstaltung: Der HSV wird nun buchstäblich an "die Wand" gespielt, über die ein Film gedreht wurde, der momentan in den Kinos und am 3. Oktober im WDR zu sehen ist:

Die Stimmung entwickelt sich aus dem Spiel heraus, als wären beide ein Organismus. Es wirkt, als würden sich Publikum und Mannschaft einander hochschaukeln. Manchmal schwappen die Gesänge wie Wellen auf die anderen Seiten des Stadions über. Als Lewandowski das finale 6:2 erzielt, stehen auch die Menschen auf der Haupttribüne für Minuten. "Das habe ich erst selten erlebt", sagt Jürgen Klopp nach dem Spiel. "Das Publikum war heute absolut großartig."

Die Architektur einer Klangkulisse

Diese Orchestrierung ist auch das Werk von Ralf Schulte-Ladbeck. Vor zehn Jahren hat der Architekt mit seinem Kollegen Matthias Schröder den Umbau des Stadions zur modernen Arena gestaltet: Die Ecken sind seitdem mit zusätzlichen Tribünen geschlossen, von weit entfernt ersichtliche, knallgelbe Stahlpylonen umranken die Spielstätte.

Damit die Lautstärke in ihr bestmöglich konserviert wird, die Akustik der Fangesänge von der Südtribüne das optimale Echo erhält, haben sie damals bauphysikalische Berechnungen angestellt. Es galt, die idealen Nachhallwerte für das Stadion zu finden.

Schulte-Ladbeck und Schröder haben eine Sensibilität für Stimmungen, viele Konzerthäuser haben sie schon gebaut. Die Architektur von Stadien könnte kaum unterschiedlicher sein, aber in einer Sache ist es dasselbe: "Es sind die Emotionen der Menschen, die transportiert werden", sagt Schulte-Ladbeck, der Sohn des Ruhrgebiets und Fan der Borussia ist.

Auch gegen den HSV ist er im Stadion, gemeinsam mit seiner Frau und seinem dreijährigen Sohn. "Dieses Stadion fördert die Art und Gattung des Ruhrgebietlers", sagt Schulte-Ladbeck, "es fördert die Haltung der Menschen hier, wenn man sieht, wie emotional sie reagieren."

Schon wieder eine hohe Ablösesumme aus München?

Passend dazu erzählt ein älterer Herr im BVB-Trikot nach dem Abendspiel am Dortmunder Bahnhof einen Gag. Man muss dazu wissen: Stunden bevor der BVB den HSV unter Flutlicht so übel zurichtete, hatte der FC Bayern gespielt und zu Hause gegen Hannover mit 2:0 gewonnen. Matthias Sammer beklagte nach dem Spiel, man habe sich "in gewissen Phasen nicht emotionalisiert".

"Habt ihr gehört, die Bayern haben uns schon wieder ein Angebot gemacht", posaunt der ältere Herr im BVB-Trikot, "3,4 Milliarden für die Südtribüne einschließlich Publikum. Damit da auch mal was los ist."