ZEIT ONLINE: Herr Welling, feiern Sie heute Abend eine Party?

Welling: Nein. Wir haben zwar im Lotto gewonnen, müssen aber erst einmal den Schein suchen. Der Insolvenzverwalter des früheren Präsidenten von Rot-Weiß Essen, Meutsch, stellt Ansprüche.

ZEIT ONLINE: Was heißt das?

Welling: Meutsch hatte dem Verein Geld zur Verfügung gestellt, dafür hat der ihm Transferrechte an den damaligen Spielern zugestanden. Auf Grundlage dieser Vereinbarung fordert der Insolvenzverwalter immer noch die 260.000 Euro, die wir bekommen haben, als Özil von Werder zu Real gegangen ist. Wir vermuten, dass er auch diesmal den Solidaritätsbeitrag einfordern wird. Wir sind allerdings juristisch recht sicher. In erster Instanz hat er eine Abfuhr bekommen, die zweite Instanz steht noch aus.

ZEIT ONLINE: Über wie viel Geld kann sich Rot-Weiß Essen als Ausbildungsverein von Mesut Özil freuen?

Welling: Das ist abhängig von der Transfersumme, die zwischen Real Madrid und Arsenal London tatsächlich vereinbart wurde. Wenn wir von 47 Millionen ausgehen, bekommt Rot-Weiß Essen knapp 700.000, bei 50 Millionen 750.000 Euro.

ZEIT ONLINE: Was machen Sie damit?

Welling: Das Geld ist ja da, weil Mesut Özil bei uns ausgebildet wurde. Er hat bei uns gespielt, als er 12 bis 16 war, von 2001 bis 2005. Das ist die Zeit, die ihn fußballerisch geprägt hat. Wir sind unserer Jugendabteilung dankbar, dass das Geld nun fließt. Wir planen, ein Nachwuchsleistungszentrum zu etablieren, obwohl wir in der Vierten Liga sind. Erst ab der Zweiten Liga ist das vorgeschrieben. Da ist sicher noch die ein oder andere Investition notwendig.

ZEIT ONLINE: Was sind 700.000 Euro im Vergleich zu Ihrem Etat?

Welling: 700.000 Euro sind mehr, als wir aktuell pro Saison für die gesamte Jugendabteilung ausgeben. Es sind ungefähr 50 Prozent des Gesamtetats unserer ersten Mannschaft. Das ist schon der Wahnsinn.

ZEIT ONLINE: Was sind die Ziele von Rot-Weiß Essen?

Welling: Wir sind auf dem Weg zum Weltpokalsieger, vielleicht im Jahr 3024. Als Fußballer wollen wir jedes Spiel gewinnen. Und wenn wir jedes Spiel gewinnen, was aktuell nicht ganz so gut klappt, wollen wir Meister werden. Und im Jahr darauf auch. Dann ist die logische Konsequenz, dass wir auch Weltpokalsieger werden wollen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie noch mehr Perlen wie Özil in Petto?

Welling: Wir haben eine sehr gute Jugendarbeit. Auch Pierre-Michel Lassoga, der gerade von Hertha BSC zum HSV gewechselt ist, stammt aus unserer Jugend. Bei Werder Bremen und Schalke spielen einige, die bei uns ausgebildet wurden. Ob tatsächlich noch einmal ein Mesut Özil dabei ist, muss man abwarten.

ZEIT ONLINE: Ist der Solidaritätsbeitrag, den Sie nun völlig überraschend bekommen, ein gerechter Lohn für Ihre Arbeit?

Welling: Selbst wenn man im Fußball arbeitet, kann man nicht begreifen, dass einer für 100 Millionen Euro zu Real wechselt und für 50 Millionen von Real zu Arsenal. Ich weiß nicht, ob man da von gerechtem Lohn sprechen kann. Es ist schön, von diesem Riesenkuchen, den keiner versteht, etwas abzubekommen. Das ist ja die Idee des Solidaritätsbeitrags. Das ist gut. Aber gerecht? Özils Transfersumme ist Irrsinn, auch wenn wir davon profitieren.

"Helmut Rahn wäre 500 Millionen wert."

ZEIT ONLINE: Die Transfersumme von 50 Millionen Euro für Özil ist nicht gerechtfertigt?

Welling: Man muss zwischen einer rationalen und einer emotional-moralischen Bewertung unterscheiden. Rational betrachtet bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis. Wenn ein Verein bereit ist, so viel Geld für einen Fußballspieler auf den Tisch zu legen, ist es eben sein Preis. Wenn Sie eine Cola kaufen und der Verkäufer verlangt zehn Euro, weil Sie sich gerade in der Wüste befinden, sind Sie auch bereit, diesen Preis zu bezahlen. Er entsteht zwischen Anbieter und Nachfrager, also in diesem Fall zwischen Real Madrid und dem FC Arsenal. Moralisch ist es nicht zu begreifen, dass für einen Spieler so viel Geld ausgegeben wird. Ich halte das für bedenklich.

ZEIT ONLINE: Würden Sie sich dennoch wünschen, als Verein auch mehr Geld zur Verfügung zu haben?

Welling: Klar. Rot-Weiß Essen hat Helmut Rahn hervorgebracht, der 1954 Deutschland zum Weltmeister geschossen hat, dazu Otto Rehhagel und Mesut Özil. Wir würden uns freuen, wenn jemand sagen würde: "Ich helfe euch jetzt mal, damit ihr wieder hochkommt." Solange derjenige die Werte des Vereins hochhalten würde. Manchmal blickt man neidisch auf den einen oder anderen Verein. Wir überlegen fünf Mal, ob wir noch 100 Exemplare der Stadionzeitung drucken oder nicht, während Viktoria Köln den Zweitligaspieler Albert Streit holt und anschließend auf die Tribüne setzt.

ZEIT ONLINE: Was wäre ein Helmut Rahn heute wert?

Welling: Mindestens 500 Millionen Euro. Wenn Gareth Bale, ein walisischer Nationalspieler, der erst ein paar Jahre in der Premier League spielt, für 100 Millionen zu Real Madrid wechselt, wäre Helmut Rahn 500 Millionen Euro wert. Aber er war Essener durch und durch und er wäre auch für 500 Millionen Euro nicht zu Real Madrid gegangen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie sich schon bei Mesut Özil für das Geld bedankt?

Welling: Wir haben Kontakt zu Mesut Özils Vater Mustafa. Aber der Junge spielt jetzt in London und in der Nationalmannschaft und kommt nicht regelmäßig zum Kicken vorbei.

ZEIT ONLINE: Wie schätzen Sie Özils Wechsel sportlich ein?

Welling: Özil und Arsenal passen extrem gut zusammen. Arsenal ist bekannt für die Schönheit im Spiel. Arsène Wenger hat in den vergangenen Jahren eine tolle fußballerische Truppe geleitet, auch wenn der Erfolg nicht mehr so groß war. Ich bin überzeugt, dass Mesut Özil da richtig gut hinpasst, sich in der Premier League durchsetzen wird und unter dem Trainer einen weiteren Entwicklungsschritt machen kann.

ZEIT ONLINE: Der Wechsel ist also kein fußballerischer Rückschritt für Özil?

Welling: In der Premier League wird Özil fußballerisch mehr gefordert als in Spanien. 1954 ist Deutschland durch Helmut Rahn Weltmeister geworden, 1974 war kein Essener beteiligt, 1990 war Frank Mill bei dem Titel dabei und 2014 wird Mesut Özil von Rot-Weiß Essen Deutschland zur Weltmeisterschaft schießen. Da schließt sich der Kreis.