Thomas Krohne muss derzeit ein glücklicher Mensch sein. Der Präsident des Deutschen Volleyballverbandes (DVV) taumelt von einem sportlichen Höhepunkt zum Nächsten. Vor ein paar Wochen gewannen die deutschen Frauen in Berlin die Silbermedaille bei der EM. In diesen Tagen schicken sich die Männer an, ähnliches zu erreichen. Sie stehen bei der EM in Polen am heutigen Mittwoch im Viertelfinale (live ab 19.50 Uhr auf Sport1).

Krohne freut sich nicht nur über die sportlichen Erfolge. Er jubelt vor allem darüber, dass die Deutschen ihre Volleyball-Leidenschaft wiederentdeckt zu haben scheinen. Immer wieder hätten ihn während der EM Bekannte angesprochen, die sagten: "Mensch, Volleyball ist ja viel spannender als Fußball, da passiert ständig was." Er entgegnete dann stets: "Das habe ich doch schon immer gesagt."

9.000 Zuschauer feierten in Berlin trotz der Finalniederlage die Volleyballerinnen der Nation, fast eine Million waren auf dem Spartensender Sport 1 live dabei. Für die Frauen interessierte sich plötzlich gar der Boulevard, taufte sie "Schmetterlinge" und schrieb "Keiner baggert so schön wie diese Mädels!" Von solchen Sätzen sind die Männer zwar weit entfernt, sollten sie aber tatsächlich ins Halbfinale einziehen, wäre das nicht nur eine kleine sportliche Sensation, sondern würde auch noch einmal einen Aufmerksamkeitsschub geben.

Viel Tamtam und künstlicher Nebel

All das tut dem Netzsport gut, der in den vergangenen Jahrzehnten in miefigen deutschen Turnhallen zu vergammeln drohte. Zwar gehören Volleyballnetze zur Grundausstattung deutscher Schulen, Strände und Ferienanlagen. Doch viel mehr als fortgeschrittene Varianten das Kinderspiels Ball-über-die-Schnur waren dort nur selten zu beobachten. Die Mitglieder schwanden. Der Sport wurde nach seinem Hoch in den siebziger Jahren von Spöttern als Affentennis verpönt und war mit seinen Sprossenwänden im Hintergrund so weit entfernt von einem hippen Trendsport wie ein Baby von der Netzkante.

Ende der Neunziger kam der Beachvolleyball, eine spaßigere Variante des einstigen Volkssports, mit Sonne, Strand, viel nackter Haut und reichlich Bambule. Alles war eine große Party mit krachenden Bässen und Macarena-Atmosphäre. Das Spiel wurde zum Happening – und die Hallenvolleyballer schauten genau hin. "Es sind viele Elemente vom Beachvolleyball in die Halle übertragen worden", sagt Krohne.

Vor allem Kaweh Niroomand tat sich bei dieser Eventisierung des Sportes hervor. Niroomand managt die Berlin Recycling Volleys, einen Klub, der früher SCC Berlin hieß, bevor er sich nach seinem Hauptsponsor benannte, einem großen Entsorger, und fortan in müllorangefarbenen Trikots aufs Feld lief. Vor ein paar Jahren zog Niroomand mit seinem Team in die Berliner Max-Schmeling-Halle, in der sonst Deep Purple oder DJ Bobo Station machen, und verwandelte die Volleyball-Partien in ein Spektakel. "Ich wusste nicht, ob das klappt. Aber wir haben es riskiert", sagt Niroomand.

Vor den Spielen laufen die Akteure mit viel Tamtam und künstlichem Nebel aufs Feld, die Zuschauer werfen Tausende Leuchtstäbchen, zwischen jedem Ballwechsel dreht der Hallen-DJ so sehr am Lautstärkeregler, dass einem die Ohren klingeln. Das neue Publikum aus Studenten, Pärchen und Prenzlauer-Berg-Familien, mag es und engagiert sich an den Klatschpappen. "Wir wollen dem Spiel einen Happening-Charakter geben", sagt Niroomand. "Dass man sich dann manchmal wie auf einem Kindergeburtstag fühlt, wenn 8.500 Leute mitmachen, ist doch völlig normal."