Es gibt eine Art Regellücke im Fußball. Nimmt ein Spieler einen Abstoß seines Mitspielers im Strafraum an, muss das Spiel unterbrochen werden. Diese Verzögerung ist zwar verboten, wird aber nicht geahndet. Der Abstoß muss lediglich wiederholt werden. Der Fußballgesetzgeber hat in den vergangenen Jahrzehnten viel getan, um das Spiel schneller zu machen. Diesen Paragraphen hat er übersehen, wohl weil die Situation im Profifußball sehr selten vorkommt.

Die Partie zwischen Bayer Leverkusen und Bayern München wäre eine gute Gelegenheit, in dieser Frage eine Gesetzesnovelle zu erwägen. Die bizarr unterlegenen Leverkusener nutzten gleich drei Mal diesen E-Jugend-haften Verlegenheitstrick zur Verschnaufpause. Weil sie sahen, dass sie im Rücken wieder mal von einem rastlosen Angreifer der Bayern attackiert wurden.

Im Top-Spiel des 8. Spieltags maßen sich der Dritte und der Zweite der Bundesliga. Nach der Dortmunder Niederlage zuvor stand fest, dass der Sieger die Tabellenführung übernehmen würde. Vielleicht würde der FC Bayern zum ersten Mal nach über elf Monaten wieder mal ein Bundesliga-Spiel verlieren. Die Zuschauer hofften auf ein Spitzenspiel – bei nur einem Punkt Unterschied zwischen Bayern und Bayer in der Tabelle.

Doch die kann entgegen einem großen Fußballweisen durchaus lügen. Das Geschehen auf dem Feld wirkte nämlich, als hätten es die Bayern mit einem unterklassigen Verein zu tun. Leverkusen verschanzte sich am Strafraum und lief den Bayern 90 Minuten lang hinterher.

Vor der Saison hatte sich mancher gefragt, ob Pep Guardiola die Triple-Bayern verbessern könnte, ob er mit neuen Ideen am Widerstand der Spieler scheitern, ob der Trainerwechsel zum Problem würde. Nach diesem Auftritt in Leverkusen muss man feststellen: Es geht offenbar, eine Mannschaft, die alles gewonnen hat, auf ein höheres Niveau zu heben. Der Konkurrenz muss es bange werden, angesichts der Dominanz, die die Bayern an diesem Abend zeigten. Und angesichts ihres neuen Stils, den sie unter ihrem neuen Trainer schnell verinnerlicht zu haben scheinen.

Die Bayern können jetzt Tiki-Taka, zumindest in der Grobform. In Leverkusen webten sie ein dichtes Netz aus Hunderten Pässen, Pässen, Pässen. Der Ball zirkulierte nahezu ungestört in ihren Reihen. Verloren sie ihn dennoch einmal, holten sie ihn sich in kleinen Jagdgruppen schnell wieder zurück. Auch dieses Instrument, das Gegenpressing, hat Guardiola verfeinert.

Seine Handschrift, die man aus Barcelona kennt, ist nun auch in München zu lesen. Dennoch enthält das Spiel des Deutschen Meisters viele bayerische Elemente: Dribblings auf den Flügeln, Tempoläufe, Vorstöße aus dem Mittelfeld, scharfe Flanken, Gefahr bei Eckbällen und Kopfstößen, Schüsse aus der Distanz, Dauerdrang nach vorne.

Guardiola hat sein System angepasst – an die Bundesliga und die Stärken seiner Spieler. Die bedeutendste Änderung betrifft Philipp Lahm. Der Trainer setzt den Kapitän, der ein Jahrzehnt lang Außenverteidiger war, als zentralen Mittelfeldspieler ein. Nicht erst das Spiel in Leverkusen gab ihm Recht. Lahm war der Lenker, stets anspielbar passte er fast genauso oft wie alle Leverkusener zusammen. Er beherrschte die schnellen Drehungen mit dem Ball, ob links- oder rechtsrum.