Schon die Teamnamen klingen nach Schmerzen: Cedar Rapids RoughRiders gegen Dubuque Fighting Saints, ein Eishockey-Match in der höchsten US-Juniorenliga USHL. Dylan Chanter mit Helm von den Saints holt aus und trifft Cory Petrash ohne Helm von den RoughRiders mit der bloßen Hand mehrmals am Kopf. Eine Frau im Publikum juchzt. Zwei Linienrichter spurten heran, aber gehen nicht dazwischen. Dann schlägt Petrash zu. Chanters Helm fliegt weg, er landet mit dem Kopf auf dem Eis. Die Fans springen auf und klatschen. Chanter bleibt liegen. Im Publikum jubeln noch einige, als Chanter auf dem Eis zu zucken beginnt. Das Spiel wird abgebrochen und der 18-Jährige ins Krankenhaus gebracht. Er hat Glück, die Ärzte stellen nur eine Gehirnerschütterung fest.

Schlägereien wie diese werden im nordamerikanischen Eishockey geduldet. Irgendwie haben sie schon immer dazu gehört. Und manch einer geht gar nur ins Stadion, um zu sehen, wie sich erwachsene Männer auf dem Eis prügeln. Das wird gerade einmal mit fünf Minuten Zeitstrafen geahndet. Doch durch Fälle wie dem von Dylan Chanter debattiert Nordamerika, ob Kämpfe auf dem Eis künftig härter bestraft oder sogar verboten werden können. Es ist ein Kulturkampf.

Bei der Frage, ob das Spiel die Schlägereien braucht, gibt es zwei Lager. Die einen sagen, dass Eishockey in Europa und bei internationalen Wettkämpfen auch ohne Prügeln funktioniert. Der Sport ist dadurch nicht weniger kompetitiv, dafür aber weitaus ungefährlicher. Die anderen argumentieren, dass Eishockey und Kämpfe untrennbar seien. Sie berufen sich auf das Recht zur Selbstverteidigung, ähnlich wie die Befürworter von Waffen. Für die Funktionäre der National Hockey League (NHL) wiegt zudem die Angst ums Geld schwer.

In der NHL gibt es sogar Spieler, die vor allem wegen ihrer Boxerqualitäten Verträge bekommen. Sie werden Enforcer genannt, Vollstrecker. Ihr Job ist es, die Stars zu beschützen und ihnen den Weg freizuräumen, indem sie den Spielfluss des Gegners unterbrechen. Eine gefährliche Aufgabe, bei der die Vollstrecker ständige Schwellungen im Gesicht, ausgekugelte Schultern oder Gehirnerschütterungen in Kauf nehmen müssen. Und Schlimmeres.

Für die meisten Enforcer haben die Kämpfe dreifachen Nutzen: sich für sich selbst stark zu machen, die Teammitglieder zu verteidigen und einen emotionalen Impuls im Spiel zu setzen. Trotzdem geben manche von ihnen zu, dass sie vor Spielen schlaflose Nächte verbringen, aus Angst vor besonders robusten Enforcern. "Es ist nicht leicht, in ein Spiel zu gehen, wenn man weiß, dass man im Zweifel gegen jemanden kämpfen muss, der mehr als zwei Meter groß ist und 115 Kilo wiegt", sagt Shawn Thornton von den Boston Bruins.

Wenige Tage bevor Chanter mit Krämpfen auf dem Eis liegen blieb, prügelten sich George Parros und Colton Orr in der NHL. Parros spielt für die Montreal Canadiens, ist 1,96 Meter groß und wiegt 105 Kilogramm. Auch abseits vom Eis vertreibt er sich die Zeit mit Faustkämpfen. In der Hockeyarena stand er zuletzt Colton Orr von den Toronto Maple Leafs gegenüber. Beide Enforcer haben schon jeweils mehr als 1.000 Strafminuten gesammelt. Als Orr nach einem Hieb fällt, reißt er Parros mit zu Boden. Der prallt mit dem Gesicht auf das Eis. Nach einiger Zeit versucht er aufzustehen, doch er sackt zusammen und muss mit der Trage vom Eis geholt werden.