In der einen Hand hält Detlef Peters einen Blindenstock, in der anderen das Mikrofon. Er möchte von Jos Luhukay, dem Trainer von Hertha BSC, wissen, warum seine Mannschaft in der ersten Halbzeit gegen Mainz so schlecht und in der zweiten so gut gespielt hat. Peters' Führhund, ein schwarzer und etwas zu dicker Labrador-Retriever, kauert neben ihm. Luhukay atmet schwer. "Tut mir leid, dass Sie ein anderes Spiel gesehen haben", sagt er. Ruhe im Saal. Peters sagt: "Ich sehe gar keins."

Der Mann, wegen dem sich Fußball-Trainer Jos Luhukay jetzt in Rage redet, ist blind. Er heißt Detlef Peters. Er ist Journalist, Fragen sind sein Job. Peters hört ruhig zu, während seine Kollegen aufgeregt Wörter wie "Rundumschlag" oder "wettern gegen die Medien" oder "kleiner Trapattoni" in ihre Notebooks tippen. Man erkennt ihn kaum, hinter seiner dunklen Sonnenbrille. Als Luhukay mit ein paar Floskeln die Pressekonferenz beendet, ruft Peters: "Drei Euro ins Phrasenschwein!"

Detlef Peters macht es nichts aus, sich mit einem Bundesliga-Trainer anzulegen. Dafür hat er schon zu viel erlebt: die Erblindung, die Krise, den Neuanfang. Das macht immun gegen jede Art von falscher Ehrfurcht – auch gegenüber gut bezahlten Bundesligatrainern, die ihre Nerven nicht im Griff haben. Dass er nichts sieht, kommt Peters in solchen Situationen recht. Er merkt nicht, ob jemand hämisch grinst, das Gesicht verzieht oder die Augen verdreht. Für ihn zählt das gesprochene Wort.

Das macht den 60-Jährigen, den einzigen sehbehinderten Bundesliga-Journalisten, zu einem der ungewöhnlichsten Medienvertreter des Landes. Er muss Spiele beurteilen, die er nie gesehen hat. Er muss einen Sport erfassen, der vor allem über Bilder wirkt, weil es ja Zuschauer heißt und nicht Zuhörer und wir den Kollegen fragen, ob er gestern Abend das Spiel gesehen hat. Detlef Peters muss sich ein Bild machen, ohne hinzuschauen.

Der Blinde gewinnt immer

Dabei helfen ihm die Zuschauer. Er spürt die heitere Trunkenheit bei großen Spielen und den aggressive Schwermut bei einem Gegurke. Manchmal stöhnt er über das moderne Fantum. "Die singen ja mittlerweile pausenlos", sagt er. Das macht es schwerer, ein Spiel einzuschätzen.

William, ein Engländer, hilft ihm auch. Sein Betreuer. Vor dem Anpfiff schiebt er Peters am Arm auf die Pressetribüne, holt ihm einen Kaffee und liest die Aufstellung vor. William ist Fan von Manchester City und erklärt Peters ab und zu, was auf dem Platz gerade läuft. Sie haben ein gemeinsames Spiel: Sie schätzen die Zuschauerzahl, wer näher dran ist, gewinnt. Zuletzt siegte immer der Blinde, heute auch.

Sobald das Spiel läuft, fummelt sich Peters einen Knopf ins Ohr: Audiodeskription, ein Service der Hertha für die 25 Plätze, die für sehbehinderte Zuschauer reserviert sind. Peters bekommt so jeden Pass beschrieben, jeden Schuss, jedes Tor und jedes Wüten des Trainers. Manchmal, sagt Peters, schwatzen sie ihm zu viel, in seinem Ohr.

Aus diesen Bausteinen setzt sich Peters das Spiel zusammen. In seinem Kopf laufen Bilder ab, unentwegt. Das funktioniert, weil er bis vor knapp 15 Jahren noch sehen konnte. Wenn man ihm sagt, der Himmel ist blau, dann weiß er, wie das aussieht. Wenn man ihm sagt, der Pass war schön, dann weiß er, wie das aussieht.

Er wollte leben

Detlef Peters erblindete mit 46 Jahren, Diabetes. Bis dahin lebte er in Wuppertal, entwickelte Managementsysteme bei einem Haushaltsgerätehersteller und spielte Tennis. Als er nichts mehr sah, verlor er seinen Job, seine Partnerin, sein altes Leben. Er hätte zu Hause sitzen bleiben können, sagt er, jeden Tag drei Flaschen Wein trinken und auf das Ende warten. Das war nichts für ihn.

Auf der Suche nach einem neuen Leben landete er in Falkensee bei Berlin. Ein Zufall. Er wollte etwas tun, er wollte leben. Im Internet stieß Peters auf einen Radiosender für Menschen mit Behinderung, der Autoren suchte. Für seinen ersten Einsatz setzte er sich in die S-Bahn, fuhr bis zur Friedrichstraße, fand irgendwie zum Brandenburger Tor, interviewte dort Menschen, fuhr wieder zurück und merkte: Das will ich.