Kurz vor dem Anpfiff verschwindet der Dortmunder Fanblock in gelbem Rauch und bengalischem Feuer. Leuchtspurelemente werden blindlings durch die Schalker Arena geschossen, es besteht Gefahr für Leib und Leben. Als er versucht, die Meute zu beruhigen, wird Dortmunds Torhüter Weidenfeller fast von einer Rakete getroffen, die auf den Platz fliegt. "Tod und Hass dem S04", ruft das eine, "BVB-Hurensöhne" das andere Lager. Der Schiedsrichter bittet die Spieler erneut in die Kabinen, um dem Stadion ein paar Nachdenkminuten zu erteilen.

Während dieser Schrecken vor sich geht, ist es in Holtum friedlich. Am östlichen Rand des Ruhrgebiets, 70 Kilometer von Gelsenkirchen entfernt, liegt der Ort, in dem rund 1.000 Menschen leben. Etwa 30 von ihnen, jung und älter, Frauen und Männer, sind befreundete Fußballfans. Sie gucken das Derby im privaten Rahmen in einem Vereinsheim. Darunter sind viele Borussen und einige Schalker. Sie vertragen sich gut, selbst an diesem speziellen Tag. Die Krawalle und Feindseligkeiten auf den Fernsehbildern ärgern sie.

Diese Szenen sind auch ein Grund, warum Johannes Hülsmann nicht dort ist. Am Dienstag gegen Chelsea ist der 28-jährige Schalke-Fan noch in der Arena gewesen, aber das Gewaltpotenzial bei den Derbys würde ihm die Stimmung vermiesen, sagt er. Hier, in Holtum, gebe es nur Frotzeleien unter Freunden. Ganz ohne "diesen überflüssigen Hass".

Je ein Fan-Schal zeugen von Fairness

Über den Köpfen der 30 Dorfbewohner hängt in dem urigen Raum rundum ein Regalbrett, auf dem Pokale posieren: Es sind Preise von Dart-, Schieß- oder Tanzturnieren. Je ein Schal von Schalke und der Borussia ist an dem Holz befestigt, darauf haben sie sich geeinigt. Viele tragen Trikots, von Kagawa, Hummels, Reus oder mit persönlichen Spitznamen. King und die Nummer 50 prangt auf einem in Königsblau. Die meisten trinken große Biere.

Als der Schiedsrichter das Spiel schließlich anpfeift, kann der FC Schalke dem Ansturm des BVB nicht lange standhalten, nach einer Viertelstunde trifft Aubameyang. Die Holtumer Borussen springen auf von ihren Hockern und Stühlen, sie hasten durch den Raum, um sich jubelnd zu umarmen.

Nach dem 2:0 durch Sahin drehen sich ein paar Schalker mit dem Rücken zur Leinwand, während die schwarz-gelbe Mehrheit frohlockt. Auf den Schock genehmigen sie sich einen Schnaps. Heute scheint alles gegen sie zu laufen: Zuvor hatte Boateng einen Elfmeter verschossen. Als Weidenfeller seinen Schuss pariert, entstehen in Holtum abermals Leid und Freude im selben Moment.

Ist das Derby wichtiger als die Meisterschaft?

Diese Nähe von Freude und Leid, diese Emotionen, die sich im direkten Duell potenzieren: Das ist die Verlockung des Revierderbys. Diese Wirkung macht auch vor den Holtumern nicht halt. Viele sagen, ein Sieg gegen den Rivalen würde mehr bedeuten als eine Meisterschaft. Die Dortmunder sagen, dass die Schalker das gar nicht beurteilen könnten, weil die ja noch nie eine gewonnen haben.

Ob man im Ruhrgebiet Schalke- oder Dortmund-Fan wird, entscheide entweder die Familie oder die Generation, sagt Johannes Hülsmann. In seiner Altersgruppe ist er in Holtum fast der einzige Schalker, weil die Borussia Mitte der neunziger Jahre eine so erfolgreiche Ära hatte. Bei ihm habe die Familie auf ihn eingewirkt. Aber nicht etwa sein Vater, der wie seine Schwester BVB-Fan ist, sondern sein Opa, der ihn früh mit ins Schalker Stadion genommen hat. Dieses erste hautnahe Erlebnis mit dem Fußball und den Königsblauen habe über sein Schicksal entschieden, sagt er.

Die Konsequenzen der Derbys kennt Hülsmann, seitdem er denken kann. Früher auf den Schulhöfen, heute auf seinem Arbeitsplatz in einem Möbelhaus im Nachbarort, wo die Rivalität von vielen Mitarbeitern stärker ausgelebt wird. "Da kann es in der kommenden Woche für die Verlierer schon mal anstrengend werden", sagt er. Da müsse man sich blöde Aktionen gefallen lassen, von denen wenige aber auch Charme hätten, etwa wenn Bilder von der Anzeigetafel mit dem Endergebnis an den Bürotüren der Verlierer befestigt würden.

Wer heute am Ende als Verlierer dasteht, scheint eine halbe Stunde vor Abpfiff noch mal spannend zu werden: Als Max Meyer den Anschlusstreffer zum 1:2 erzielt, stürmt ein Schalker quer durch den Raum zu einem anderen. "Wir packen das noch", brüllen sie und schlagen ein.

"Mit Fäusten und Fahrradketten sind wir aufeinander los"

Doch die Schalker Hoffnung, sie währt nicht viel länger als der nächste Schluck Bier: Schon Minuten später erzielt Błaszczykowski das 3:1. Die Dortmunder schlagen vor Freude gegen Schränke und die Vertäfelung. Die Schalker sind geknickt und geben sich geschlagen. Auf dem Feld, auf den Tribünen und auch in Holtum.

In den Achtzigern ging es deutlich brutaler zu

Einer von ihnen ist Reinhard Holz, 52 Jahre ist er alt. Er nimmt die Niederlage locker, aber früher wäre sein Wochenende gelaufen gewesen. Vor über 40 Jahren war er zum ersten Mal im Stadion. Auch ihn hat dieses Erlebnis nie wieder losgelassen. Später hat er eine wilde Zeit erlebt, vor allem bei den Derbys in den Achtzigern, als er ein Kuttenträger in der Nordkurve war. Damals wäre es für ihn undenkbar gewesen, das Spiel harmonisch mit Dortmundern zu gucken. Damals hat er sich mit Dortmundern geprügelt.

"Auf den Parkplätzen ging es immer rund", sagt er, "mit Fäusten und Fahrradketten sind wir aufeinander los." Ob damals keine Polizei vor Ort war? "Doch, doch", sagt er und nimmt einen tiefen Schluck Bier, "aber wenn die kam, dann sind wir auf die drauf." Einige Male hätten sie der berittenen Polizei gegenübergestanden. Da sei es vorgekommen, dass sie die Polizisten von ihren Tieren stürzten. Auch die Pferde hätten dann auf dem Boden gelegen und gewiehert. Zwei Mal sei er nach Derbys verhaftet worden und für eine Nacht in der Arrestzelle geendet. Einmal habe er Sozialstunden aufgebrummt bekommen und musste Hecken auf einem Friedhof schneiden, sagt er.

"Es waren eben andere Zeiten, aber mittlerweile finde ich diese Brutalität abscheulich", sagt Holz. Eine gesunde Rivalität gehöre ja dazu, weil Fußball kein "Pussy-Sport" sei. "Aber es ist sehr gut, dass man das Hooligan-Problem in den Griff bekommen hat." Die Randale beim heutigen Derby sei schlimm gewesen, aber "lächerlich" verglichen mit früheren Zeiten, sagt er.

Die Lehre aus dem Derby-Tag

Eine Stunde nach dem Spiel sind nur die wenigsten schon fortgezogen: Ein paar haben sich auf den Weg zu einem Dart-Turnier gemacht, die anderen diskutieren am Tresen das Spiel und das Leben. Später gibt es noch eine Party im Ort, übernächste Woche findet in der Nähe eine große Kirmes statt. Im Raum ist jetzt mehr Zigarettenqualm als Luft. Es gibt Frikadellen und Bratwürste vom Grill.

Da lehnt sich ein Dortmund-Fan auf seinem Hocker zurück und stemmt die Arme in die Höhe. In einer Hand hält er seinen halb gefüllten Bierkrug, es schwappt ein bisschen heraus. "Sitzt du auf dem Scheißhaus und hast kein Papier, dann nimm doch die Fahne von Schalke 04", grölt er einen Klassiker. Die Schalker sticheln zurück. Alle lachen und stoßen an.

"Das wollen ja die meisten Dortmunder und Schalker nicht so wahrhaben", flüstert noch einer am Tresen, "aber eigentlich sind wir uns doch alle sehr ähnlich."