Tore, Tore, Tore – die Essenz des Fußballs. Man kann sie poetisch besingen. Und man kann sie zählen. In dieser Bundesliga-Saison sind es besonders viele:

  • 212 Tore fielen insgesamt. Das sind rund 3,4 pro Spiel. Am ersten und am siebten Spieltag zählte man sogar einen Schnitt von mindestens vier. Bleibt es bei dieser Quote, werden es so viele wie seit fast dreißig Jahren nicht mehr.
  • Mehr als drei Tore pro Spiel fielen zuletzt 1987/88.
  • In keiner der 63 Partien dieser Saison gab es ein 0:0, das ist Rekord.

Nach sieben Spieltagen kann man nicht mehr von Zufall sprechen, sondern von einem Trend. Die Bundesliga ist auf Angriff gepolt. Der Verhinderungsfußball, das Catenaccio, ist out. Zurzeit ist der aktive Fußball der erfolgreiche. Das liegt auch an der Vorbildwirkung der beiden deutschen Champions-League-Finalisten. Bayern und Dortmund sind offensive Teams, allerdings mit unterschiedlichem Schwerpunkt. Die Bayern setzten auf klassischen Ballbesitzfußball. Die Dortmunder auf Gegenpressing, also die schnelle Rückeroberung des Balles in der Nähe des Gegnertors. Der BVB schießt drei Tore pro Spiel und alle vier Minuten aufs Tor.

Ein Tor ist auch immer ein Gegentor

Dabei zeigt sich, dass die Offensive hinten beginnt. Die zwei aktuellen Zauberworte der Bundesliga heißen "hoch verteidigen": Die Abwehr verteidigt weit weg vom eigenen Tor, möglichst nahe der Mittellinie. So verkleinert sie mit Hilfe der Abseitsregel die aktive Spielfläche. Der Gegner hat dadurch weniger Raum, die Vorderreihen können den ballführenden Gegner besser stören. Wenn es klappt, ist die Abwehr des Gegners außer Ordnung und der Weg zum Tor kurz. Diesen Stil der Vorwärtsverteidigung zeigen selbst Außenseiter wie Augsburg und Freiburg.

Die heutige Torflut ist vor allem durch eine fußballgeschichtliche Wegmarke begründet. Nach der trostlosen Ribbeck-EM 2000 musste der lange erfolgsverwöhnte deutsche Fußball feststellen, dass ihn andere Nationen taktisch und technisch überholt hatten. Unter dem damaligen Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder reformierte der DFB seine Nachwuchsförderung. Mit Erfolg.

Das technische Niveau ist heute deutlich höher als vor zehn, sogar noch vor fünf Jahren. "Aus den Jugendakademien bekommen wir dauerhaft schnelle, ballgewandte Spieler", sagt Wolfsburgs Trainer Dieter Hecking.

Angreifer und Mittelfeldspieler können heute im Tempo den Ball "mitnehmen". Sie stoppen den Ball nicht, sondern leiten ihn mit dem ersten Kontakt geschickt Richtung Tor. So üben sie Druck auf den Abwehrspieler aus. Bestes Beispiel: Marco Reus, der den Ball wie einen Dackel dressiert zu haben scheint. Auch viele andere Spieler haben den "Reus Move" drauf. Selbst Außenverteidiger sind heute oft verkappte Stürmer, etwa der Münchner David Alaba oder Kevin Großkreutz aus Dortmund.

Die neue Lust am Tor hat bei aller Freude auch eine Kehrseite. Ein Tor ist immer auch ein Gegentor. Dass zurzeit so viele fallen, liegt auch an den Fehlern der Defensive. Das ist die Schwachstelle der Nachwuchsreform: Die Verteidiger wurden vergessen. Während sich die Götzes, Özils und Gündogans auf den kreativen Positionen Konkurrenz machen, gehen der einstigen Vorstoppernation Deutschland die Abwehrspieler aus.

Doch auch im modernen Fußball sind zwei große, harte Innenverteidiger hilfreich, die nicht langsam oder hüftsteif sind. Außerdem sollen sie auch noch das Spiel eröffnen können. Der Hoffenheimer Nachwuchsdirektor Bernhard Peters sagt, das Zweikampfverhalten in der Defensive sei in der Ausbildung zu kurz gekommen. "Es wird nicht klar genug mit Körperkontakt Mann gegen Mann der Zweikampf gesucht."