ZEIT ONLINE: Als Sie die WM 2012 in Moskau spielten, hatte Ihr Herausforderer Boris Gelfand eine schlechte Presse. Es hieß, er sei zu alt und kein starker Gegner. In diesem Jahr zeigt er allen, was er kann.

Anand: Ich finde es toll, wie er spielt. Nicht, dass er noch etwas zu beweisen hätte. Aber er brennt geradezu. Er hat das Tal Memorial gewonnen, das Aljechin Memorial und zuletzt den Grand Prix in Paris, unglaublich! Was man über ihn geschrieben hat: kompletter Unsinn.

ZEIT ONLINE: Gelfand zeigt, wie man mit Mitte vierzig noch mithalten kann. Sie haben es nun mit einem jungen Mann zu tun. Gibt das dem Kampf mehr Schärfe?

Anand: Carlsen hat seinen eigenen Stil, seine eigene Herangehensweise. Darauf muss ich mich einstellen. Aber das ist es dann auch. Das Wichtigste für mich ist: Hingehen, hinsetzen, gut spielen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie sich auf Carlsen anders vorbereitet als auf Ihre bisherigen Gegner?

Anand: Es gab Veränderungen im Team. Zwei meiner Sekundanten sind weitergezogen. Aber was die Arbeit angeht: Man bereitet sich immer auf einen bestimmten Gegner vor, und so ist es jedes mal anders. 

ZEIT ONLINE: Werden Ihre Freunde in Indien das Match verfolgen?

Anand: Ich hoffe das sehr. Schach galt in Indien lange als etwas, das anderswo spielt. Das ändert sich jetzt. Es ist der erste WM-Kampf in Indien. Meine Stadt und mein Land haben das Match hergeholt. Ich bin ihnen sehr dankbar dafür.

ZEIT ONLINE: Wie hat sich Ihre Einstellung zum Schach verändert? Spielen Sie heute anders als vor zehn oder zwanzig Jahren?

Anand: Vollkommen anders. Schon wegen der Computer-Revolution. Der Ansatz ändert sich ständig.

ZEIT ONLINE: Als Sie anfingen, gab es keine Datenbanken mit Millionen gespeicherter Partien.

Anand: Null. Früher haben wir uns vor der Partie ein Buch gegriffen, nach einer Idee gesucht und dann gesagt: Das probier' ich gleich mal aus. Heute unvorstellbar.

ZEIT ONLINE: Gilt das nur für die Eröffnung oder auch für Mittelspiel und Endspiel?

Anand: Für die Eröffnung sicherlich am meisten. Aber auch für andere Phasen der Partie. Sonst kämen nicht so viele starke Spieler aus Ländern ohne Schachtradition. Computer eröffnen den Zugang zum Spiel. Sie liefern die Informationen und erleichtern das Lernen. Was das Internet bewirkt, sieht man besten an der Zahl junger Spieler in den Top Ten.

ZEIT ONLINE: Aber Carlsen scheint sich vom Computer zu lösen. Die Eröffnungsvorbereitung bis ins Letzte ist ihm nicht wichtig.

Anand: Er hat seinen ganz eigenen Zugang. Aber auch dieser Zugang ist vom Computer beeinflusst. Weil einfach alle mit dem Computer arbeiten. Und wenn es nur um den Hintergrund geht: Der Computer ist immer da.

Über die Schach-WM werden wir auf ZEIT ONLINE und im Ressort Wissen der ZEIT berichten. Ein Porträt des Herausforderers Magnus Carlsen lesen Sie diese Woche im ZEITmagazin.